Aufruf Deserteurskampagne

aufruf und einladung für eine deserteurskampagne frühjahr+sommer 2009:

„Du meinst also, sie werden uns nicht mehr aufnehmen, wenn wir zurückkommen ?“ fragte er. Erich nickte. Mit seinem hellen Jünglingsgesicht blickte er auf das stille, graugrüne, trübe Wasser, auf die trübe Opalflut unter dem kochenden Gestirn.
„Wir werden niemals mehr ganz zu ihnen gehören“, sagte er. „Meinetwegen“ rief Werner aufgeregt. „Wenn du wüßtest, wie egal mir das ist. Dann wollen wir eben Fremde bleiben.“
(Alfred Andersch, Flucht aus Etrurien, 1950)

wo sind die deserteure ?
wo sind die deserteursdenkmäler ?

deserteure fristen ein schattendasein in jeglicher hinsicht: aus einer linksradikalen sicht auf die NS-zeit spielen partisanInnen eine wichtige bezugs- und identifikationsrolle. deserteure hingegen, die sich auf ähnliche weise der maschinerie der wehrmacht/lager entzogen und widersetzt haben, finden kaum beachtung. die einzige gedenktafel für deserteure in wien ist hinter einem riesigen gebüsch versteckt, als wenn die verbannung auf die donauinsel nicht schon genug wär. die kurze gedenkveranstaltung pro jahr mit einem deserteur, 20 grünen und 20 linken ändernd an der wertschätzung/nicht-beschäftigung kaum etwas. dass die NS-urteile gegen deserteure bis 2005 kommentarlos aufrecht waren und die wehrmachtsrichter im nachkriegsösterreich in justiz und heer weitermachten wie zuvor, ist symptomatisch für den umgang im postnazistischen österreich. die debatte und deutungshoheit wir rechts-revisionistInnen und konservativen überlassen, die linke lehnt eine beschäftigung aus schlechten und/oder falschen gründen ab.

die einzige nennenswerte kampagne des letzten jahrzehnts wurden von den grünen und einzelnen historikerInnen gefahren und haben wesentliche verbesserungen gebracht: juristisch sind fast alle urteile gegen deserteure aufgehoben und gegenwärtig werden nachträglich entschädigungszahlungen und ehrungen gewährt – nur 60 jahre zu spät und lächerlich gering. ein paar wissenschaftliche standardwerke (manoschek/metzler/fritsche) zu desertion und entziehung schließen eine zeitgeschichtliche lücke und machen sich gut im regal. bloß: beide punkte sind nie in der bevölkerung angekommen. weder deserteure noch ihr umfeld wissen um die rehabilitierung oder wissenschaftliche aufarbeitung. deserteure gelten in einer ungebrochenen kontinuität von 1945 bis heute als verräter und kameradenmörder. desertion wird als verbrechen betrachtet: vor, während und nach dem NS.

am 1.september 2009 („70 jahre kriegsbeginn“) wird eine in deutschland konzipierte ausstellung zu deserteuren und wehrmachtsgerichtsbarkeit mit dem titel „was damals recht war…“ für kurze zeit nach wien geholt. in deutschland findet sie unterschiedlich hohe beachtung, in österreich besteht die berechtigte befürchtung, dass sie „nicht einmal ignoriert“ werden könnte, also die berichterstattung und wahrnehmung sich auf zweimal kolumne im standard/falter beschränken wird.

wir finden, dass der sommer ein idealer zeitpunkt ist, um an der allgemeinen wahrnehmung von desertion und deserteuren, im NS wie allgemein, etwas zu ändern. wir möchten in einer möglichst breiten gruppe mit leuten verschiedener zugänge unterschiedliche aktionen planen:

  • info-veranstaltung inhaltlich-historisch zum thema,
  • diskussionen zur marginalisierung des themas
  • stadtspaziergang entlang der routen in wien, den opfer der ns-militärjustiz gehen mussten,
  • aktionen an orten der NS-militärjustiz (folter/verurteilung/exekution) in wien
  • aktionen und provokationen um die ausstellung zu pushen und desertion zu thematisieren.

    als nebeneffekt kann es nicht schaden, eine beschäftigung mit desertion und geschichte der opfer der ns-militärjustiz zu fördern, sprich sich ein-zwei veranstaltungen lang mit dem thema zu beschäftigen. wir wollen auch eine auseinandersetzung mit realpolitischen abstrichen, etwa, wie sind forderung nach denkmälern und gedenktafeln zu beurteilen? bundesheer abschaffen versus desertion lernen? wie kann mensch in der derzeitigen öffentlichkeit/medienwelt „aufregen“? was aus den aktionen zum gedenkjahr 2005 lernen? hat/braucht die linke „held_innen“ bzw. wer bekommt nach der revolution ein denkmal?

    Na, jeder, dem noch das Gehirn
    Nicht eingefroren an der Stirn,
    Weiss: Nur ein Mittel kann es geben,-
    Die Pfoten in die Höhe heben.
    Dem Russen rufen aus der Weite:
    „Sdajus, Towarisch, ne strelaite!“
    Das heisst, damit es alle wissen:
    „Ergebe mich, Kam‘rad, nicht schiessen!“

    (Sowjetisches Flugblatt, o.O./J.)

    AK 1-2-3-viele-deserteursdenkmäler. am heldenplatz, am stephansplatz, in jedem kaff.


  • 1 Antwort auf „Aufruf Deserteurskampagne“


    1. 1 Bericht Gedenkveranstaltung 2010 « AK Denkmalpflege Pingback am 08. Dezember 2010 um 13:55 Uhr
    Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.