Stadtspaziergang:
Orte der NS-Militärjustiz in Wien

Suche nach Gedenken in Wien

In Wien gibt es nicht viele sichtbare Orte, um den Opfern der NS-Militärjustiz zu gedenken. Auch nicht, um sich mit den Geschichten von Opfern und TäterInnen – Widerstand, Entziehung, Aktionen, Denunziationen, Schicksalen, Trauer, Ermordung – zu konfrontierten.

Tafeln, Denkmäler, Hinweise, Benennungen: Vieles gibt es nicht mehr, meistens gab es gar nichts. Oder die „Erinnerung“ ist/wurde gut versteckt. Wer kann schon wissen, dass die „Kugelfanggasse“ im 22. Bezirk eine Erschießungsstätte bezeichnet ?

Andere „Überreste“ der Erinnerung an den Nationalsozialismus, meist versteckt in Floskeln wie „das was zwischen 1938 und 1945 war“, sind großkoalitionär und österreichpatriotisch gefärbt. Sie setzen neben das Gedenken an die Opfer ein Gedenken an die TäterInnen/MitläuferInnen und versehen die Aktionen mit einer rot-weiß-roten Bunze. Als anschauliches Beispiel dient die “Gruppe 40” am Zentralfriedhof: Ein Gedenkstein für das “widerständische Österreich” steht neben jenem für die “Opfer des Bombenkriegs”. Gedenken im Bundesheer gilt nicht WiderstandskämperInnen oder Deserteuren sondern Offizieren, die an Krieg und Vernichtung minimale Punkte ändern wollten.

Unter diesen Vorzeichen hat die Erinnerung an die Opfer der NS-Militärjustiz äußerst schlechte Karten – realpolitisch durch Anerkennung und Entschädigung ebenso wie öffentlich durch würdige Gedenkorte.

  • In den Kasernen hängen keine Tafeln, die an die dort gefangen genommenen, verurteilten und/oder hingerichteten Personen erinnern. Genausowenig wie in den Gefängnissen, in denen sie einsaßen und/oder hingerichtet wurden.
  • In den Feuerwehrstationen, ehemaligen Flaktürmen oder Bahnhöfen erinnern keine Tafeln an die dort wegen verschiedener Widersetzlichkeiten verhafteten Personen.
  • Im Juridikum der Universität Wien erinnert keine Tafel an die „Blutrichter“ der NS-Wehrmacht, die vor, während und nach dem Nationalsozialismus dort lehrten. Genausowenig wie an den anderen Gerichten, zivilen wie militärischen, denen NS-Militärrichter später vorsaßen.
  • Auf den Kriegerdenkmälern werden Deserteure und andere NS-Opfer zum Teil als „vermisst“ aufgelistet und in die Gemeinschaft der willenlosen Pflichterfüller reklamiert, obwohl sie zu den wenigen gehörten, die sich entschieden nicht (mehr) (Mit)täter zu sein.
  • Ihre Grabstätten, etwa am Wiener Zentralfriedhof, weisen nicht ihre Taten oder Hinrichtungsgründe aus – nur das Datum ihrer Massenerschießung.

    Gedenken und Erinnern:

    Bücher, Texte, Biographien u. Ä. sind die wichtigste Form, um das Andenken an die von der NS-Militärjustiz Gejagten aufrecht zu erhalten. Einzelgeschichten zeigen Handlungsspielräume auf sowie Widerstandsformen abseits des “Widerstandes mit der Waffe in der Hand”. Zeichen, Steine und Tafeln geben Orten eine Geschichte, den TäterInnen und Opfern Namen.

    Das Besuchen und immer wieder Neu-Aufarbeiten von Orten der NS-Militärjustiz trägt dazu bei, die Geschichte der Opfer, TäterInnen und Orte zugänglich zu halten und neu zu erzählen.
    Wir wollen die wenigen bestehenden Hinweise in der Stadt besuchen und um ‚vergessene‘ Orte ergänzen, an denen noch nichts besteht.

    Wien als Schaltstelle der NS-Militärjustiz

    Nach 1938 hatte Wien eine vergleichsweise hohe Stellung im Apparat der NS-Militärjustiz inne und galt als zweitwichtigste Gerichtsstadt. In Wien befanden sich die Gerichte für den gesamten Wehrkreis 17 und etlicher hier aufgestellter Divisionen. Wien war weiters Außenstelle der Wehrmachtskommandantur sowie für kurze Zeit Außenstelle des Zentralgerichts des Heeres und des 4. Senats des Reichskriegsgerichts.
    Österreich war nicht als “Front” vorgesehen, das hier aufgestellte “Ersatzheer” diente als Pool zum Auffüllen dezimierter Heeresteile. Die Militärjustiz hatte also wenige Desertionen in klassischen Sinn zu verfolgen, sondern vor allem Vergehen vor der eigentlichen Einziehung oder während des “Heimaturlaubes”.

    Wien war Arbeitsplatz für mehrere Dutzend Militärrichter, die ihren Kollegen im „Altreich“ um nichts nachstanden. Schwinge, Everts, Breitler und wie sie alle hießen waren gefürchtete, fanatische „Blutrichter“ die an der „Heimatfront“ kompensierten, was sie an der echten Front zu versäumen glaubten. Und als solches wurde Wien Ort der Verfolgung, Verurteilung und Hinrichtung der von diesen Richtern gesuchten Personen.

    Im Folgenden sollen zentrale Orte, an denen sich die NS-Militärjustiz abgespielte, beschrieben werden.

    Teil 1: Orte der Widersetzlichkeit

    Auch wenn jede Entziehung verschieden ab lief lassen sich in Wien teils Muster und informelle Netzwerke, vor allem unter Selbstverstümmlern, ausmachen:

  • Arten und Orte der Selbstverletzung: Fussball, Straßenbahn, Radrundfahrt,…
  • Informationsaustausch und Beihilfe: Lazarett, Schwimmbad, Cafe,…
  • Teil 2: Fahnung, Verhöre und Folter

    Fahndung und Verhöre wurden von der Wehrmachtsstreife Groß-Wien durchgeführt, teils unter Folter Geständnisse erspresst und zusammen mit der Gestapo ein Fahndungsverbund gebildet.

  • Wehrmachtsstreife Groß-Wien
  • Rossauer Kaserne
  • Kohlmarkt
  • Kooperation mit Gestapo und Polizei
  • Bahnhofswache und Bestreifung der Züge
  • Teil 3: Haft

  • Raumnot 1938 & Struktur
  • Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis X
  • Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis II
  • Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis VII
  • Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis XIX
  • Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis XXI
  • Teil 4: Gerichte

  • Organisation der NS-Militärjustiz in Wien
  • Stubenring
  • Loquaiplatz
  • Hohenstaufengasse
  • Universiätsstraße
  • Franz-Josefs-Kai
  • Schwindgasse
  • Gerichtsherrenstandorte
  • Teil 5: Hinrichtungsorte

  • Organisation und Ablauf
  • Landesgericht
  • Militärschießplatz Kagran