Gedenkstein
Dank und Anerkennung den Persönlichkeiten, die sich um die Schaffung und Aufstellung dieses Ehren-, Gedächtnis- und Mahnmales [Gemeint ist der Gedenkstein in Kagran, Anm.] wider alle Schwierigkeiten und Bedenken nach über vier Jahrzehnten auf diesem blutbefleckten Erdenstück verdient gemacht haben. Ich möchte besonders meinen Freund, Oberst, Sektionschef Dr. Ferdinand Käs ehrend erwähnen und ihm danken, mit dem ich die Lokalbestimmung vornehmen konnte, nachdem uns das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes damit beauftragt hatte, – er tätig als militärischer Fachmann, ich als letzter Augenzeuge, was die Seelsorger der Deutschen Wehrmacht und die Standortpfarrer angeht, seien es katholische, seien es auch vereinzelte protestantische Pfarrer. (…)

Berufung zum Wehrmachtsseelsorger
Im Herbst 1941 wurde ich vom Wehrkreispfarrer Josef Tegel (…) dringendst gebeten, mich als Stand­ortpfarrer i. Nebenamt für Groß-Wien einsetzen zu lassen, da manche Priester ausgefallen, andere mit der Gestapo in Schwierigkeiten geraten und daher un­tragbar geworden seien; (…) So sagte ich zu.(…) Ich hatte im Sommer 1938 bei einer Haustaufe einen antinationalsozialistischen Oberstleutnant des österreichischen Bundes­heeres, Goppold mit Namen, kennengelernt und damals im Laufe des Gespräches unter anderem den Wunsch geäußert, sollte ich zur Deutschen Wehrmacht einge­zogen werden, dann als Militärpfarrer. Nun wurde Goppold, älteren Jahrgangs, mit Kriegsausbruch von der Deutschen Wehrmacht übernommen und mit der Ver­bindungsstelle Wehrmacht – Gestapo betraut. (…) Tatsächlich traf das Ernennungsdekret ein, dazu ein handlicher Ausweis und die Aufforderung, mich beim Stadtkommandanten von Wien, General Stümpfl, vorzustellen. So begab ich mich in Begleitung des älteren Kollegen, Standortpfarrer Ottinger, zur Stadtkommandantur Wien I, Universitätsstraße 7 (heute Neues Universi­tätsgebäude). (…).

Erster Einsatz
Schon einige Tage hernach wurde ich vom Mittagstisch zum Telefon ge­rufen, wo mir Wehrkreispfarrer Tegel mitteilte, ich solle mich „zusammen­packen“ und mich mit den Versehutensilien (heute zu sehen in der Ausstel­lung des Dokumentationsarchivs) zum Militärgefangenenhaus (Kaserne) in der Troststraße, Wien X, begeben. Um 18 Uhr sollte ich dort erscheinen und dann mit der Vorbereitung eines Todeskandidaten auf den nächsten Morgen beginnen. Ehrlich gestanden: Ich erschrak und bat den Anrufer um Aufschub, da mir der Auftrag zu erregend erschien, hatte ich doch weder eine pastorale Ausbildung hiefür genossen, noch die nötige Erfahrung, was bei einer Hin­richtung zu tun sei. Tegel blieb aber hart und erklärte: Einmal muß damit begonnen werden; Aufschub habe keinen Sinn.
So fuhr ich denn zur Trostkaserne (…) Punkt 18 Uhr wurde der Todeskandidat vorgeführt, und der Kommandant verlas das Dekret: Begnadigung abgelehnt etc., unterzeichnet von Keitel. Bei späteren Urteilen hieß es auch: Göring für die Luftwaffe, Räder für die Marine. Hitler hatte nie gezeichnet. (…)

Seelsorge
Daraufhin wurde der Soldat von zwei Begleitern abgeführt, in eine abgetragene Militärhose samt Rock gesteckt und zur Armensünderzelle geleitet. Man nannte dies ‚Ausstoßung aus dem Heer‘. Die düstere Zelle hatte kein Fenster, nur eine Klomuschel, einen wackeligen Tisch und zwei einfache Sessel als Einrichtung. Ein paarmal gab es ein dürftiges Henkermahl auf einem Blechteller, auch das hörte später auf. Nur Zigaretten verblieben. Nun begann für mich die Tortur. Zur Wache vor der offenen Tür gesell­ten sich immer wieder abwechselnd Soldaten/Kameraden, die den Armen durch Gespräche, Witze etc. abzulenken suchten, auch sich mit ihm zu unterhalten anfingen, was für mich insofern äußerst nervlich anspannend war, da unser Zwiegespräch, unsere Aussprache, der pastorale Dienst ständig gestört, un­terbrochen, ja behindert wurde. Da die ganze Nacht über geraucht wurde und der Qualm keinen Abzug hatte, brannten mir ein paar Tage lang die Augen oder schmerzten mich, wie man besser sagt. Seither weiß ich, wie ähnlich nach einer Operation eine Nacht dahinschleicht und wie eine Ewigkeit nicht zu vergehen scheint. Dieses Warten die Nacht über bis zum Morgen des letzten Tages sei die eigentliche Todesstrafe und Abbüßung, da jeder Todeskandi­dat die unabwendbare sofortige Vollstreckung als Erlösung empfinden, ja sogar wünschen würde, wie mir vom Kommandanten erzählt wurde.

Um uns die Nachtwache etwas erträglicher zu gestalten, hatte ein evan­gelischer Kollege vorgeschlagen, daß für uns in einem Nebenraum eine ein­fache Pritsche aufgeschlagen werde, damit wir leichter durchhalten könnten, auch wären einige Pausen für den Todeskandidaten wünschenswert. Wir kamen aber bald davon ab, da die schweren Stiefeltritte, das laute Rufen und das Zuschlagen der Eisentüren kaum ein Stündchen Ruhe zuließen. Auch ließ es mir keine Ruhe, wollte ich ja den Armen nicht allein und sich selbst über­lassen. Man hatte mir nicht nur einmal bedeutet, daß ein auf das Sterben Wartender das Alleinsein und Gefühl der Verlassenheit sehr hart und beäng­stigend empfinde.

Vorbereitungen zur Abfahrt
Mit dem Morgengrauen wurde es im Haus immer lebendiger, da nun die letzten Vorbereitungen für die Abfahrt zur Schießstätte nach Kagran getrof­fen wurden. Dem Todgeweihten wurden die Hände auf den Rücken gefesselt (durch Klammern geschlossen), die Ketten an den Füßen so weit gelockert, daß ein Gehen möglich war, und hinab gings die Stiegen in den kalten Ge­fängnishof zum Armensünderkarren. Ich stieg jedesmal mit dem oder den Todeskandidaten in den Wagen ein, was deutlich beruhigend wirkte, und nicht in den vorausfahrenden Wagen mit den Offizieren, obwohl mich diese stets zu sich einluden, gehörte ich ja nach ihren Aussagen eigentlich zu ihnen. Übernächtig blickte ich durchs kleine Fenster während der traurigen Fahrt über den Gürtel, die Prinz Eugen Straße, den Ring vorbei an der Urania auf die Leute hinaus, die ihren Geschäften zueilten und keine Notiz von unserem Gefährt nahmen oder mitleidig ihm nachschauten. Nach dem Russenkirchlein zweigten die Wagen zum Schießplatz ab, dessen Wall und überhohe Bäume einen makabren Anblick boten; davor die Pfähle wie Kreuze ohne Querbalken anzu­sehen.

Militärschießplatz Kagran
Die Wagentür wurde aufgerissen und vorbei gings am offenen Sarg zum Pfahl (oder den Pfählen), wo zwei Soldaten (davon einer eine Charge) den Armen (oder die Armen) mit einem dicken Strick anbanden. Nochmals wurde ge­kürzt das Todesurteil verlesen, währenddessen ein Leutnant die zehn Schützen hinter uns im Rücken kommandierte. (…) Ein paar ermunternde Zusprüche und dann sprang ich über den Graben aus der Schußweite, stellte mich aber so auf, daß ich neben dem Peloton(Schützenzug) zu stehen kam und vom Pfahl aus zu erblicken war. Wie ich dem Todeskandidaten versichert hatte, daß ich bis zuletzt bei ihm ausharren werde, so schlug ich ihm auch vor, wenn er sich die Augen nicht verbinden lasse, solle er nach mir schauen, ich würde ihm das Kreuz entgegenhalten, was gewiß eine Ablenkung von den Todesmündern der Gewehrläufe mit sich bringen werde. Die meisten befolgten meinen Rat­schlag, und so schieden wir voneinander, Aug‘ in Aug‘.

Daß die Treffer nicht so exakt ausfallen würden, wie es auf der Bühne im Theater darzu­stellen gepflegt wird, erlebte ich fast immer und ist verständlich, waren die Schützen ja Menschen und Kameraden. Hie und da mußten zwei bis drei Salven abgegeben oder mit einem Genickschuß die Erlösung herbeigeführt wer­den. Doch genug davon, das Grausige wurde ohnehin bereits anderswo be­schrieben. )Aber solch aufs Letzte gehende Eindrücke prägen sich unauslösch­lich ins Gedächtnis. Frontsoldaten gestanden mir ehrlich ein, daß die Erschießung/en im Feld nicht so erregend wirkten wie im Hinterland. Zudem mußte ich mit dem Arzt und dem Richter in die verlöschenden Augen blicken, was auf die Minute aufgezeichnet wurde. (…)

Gefahr durch politische „Beichten“
Nachholend muß ich noch erinnern, daß wir ab 1943 bis 1945 nicht nach Kagran gerufen wurden, sondern im Wiener Landesgericht amtierten, da in dieser Zeit die Hinrichtungen auch fürs Militär durch Enthauptungen vollzogen wurden [was im Militärbereich unüblich, da unehrenhaft, ist. Ein Soldat verdient immer eine Kugel. Anm.], worüber an anderer Stelle bereits berichtet wurde. Die Betreuungszeit dauerte da von 15 bis 18 Uhr, meist am Freitag, also mit den verurteilten Zivilisten, natürlich auch unter Beisein eines ns.-vertrauten Aufsehers, weshalb ich für die Beichte mir einen Kniff aus­denken mußte. In der Trostkaserne dürfte ein Mikrofon eingebaut gewesen sein, da ich beim zweiten Besuch in der Todeszelle von der Kanzlei der Standortpfarre (Wien VI., Stiftskaserne) aufmerksam gemacht und zur Vor­sicht gemahnt wurde. Die Todeskandidaten hatten ja nichts mehr zu verlie­ren, konnten sich also politisch „auslassen“ und taten es auch manchmal gründlich und für mich gefährlich.

Massenerschießung vor Publikum
Es blieben mir einige auffallende Geschehnisse im Gedächtnis haften, so vor allem die letzte Massenerschießung im Frühjahr 1945, wo es vierzehn Soldaten traf. Für die angedeutete Großhinrichtung wurde wieder der Kagraner Schieß­platz ausgewählt. Ich war unterdessen als Pfarrvikar an die Stadtpfarre St. Augustin, Wien I, übersetzt worden und betreute von dort aus die zur Enthauptung Verurteilten, als an jenem denkwürdigen Frühlingsmorgen, zwi­schen drei und vier Uhr früh, ein offenes Militärauto vor dem Haustor an­hielt, dann kräftigst angeläutet und nach mir verlangt wurde. Ich blickte durchs Fenster vom ersten Stock vorsichtig hinunter und bemerkte einige Stahlhelme. Mein erster Gedanke war, jetzt komme ich an die Reihe und holen sie mich ab. Was habe ich angestellt? Aufgeklärt über ihr Vorhaben schlüpfte ich in den Wagen, und in rasanter Fahrt ging es durch das nächtliche Wien zur Trostkaserne, wo 14 Todeskandidaten auf den herbeigeholten Pfarrer war­teten.(…) Etwa um 1/2 7 Uhr fuhren wir überstürzt ab, je sieben Mann im vergitterten Wagen wieder den traurigen Weg, der mir bekannt war. Auf dem Schießplatz erwarteten uns an die 200 Mann auf einer Tribüne, natürlich unbewaffnet; sie sollten als Zuschauer von einer Desertation abgeschreckt werden. Ich erfuhr, daß 90 Deserteure – in Wien soll es bereits über 20.000 Uboote gegeben haben – erschossen werden sollten. Der junge SS-Richter wollte ein grausiges Exempel statuieren.

Ich sah auch einen Goldfasan, einen NS-Kreisleiter aus Floridsdorf(?) unter den Offizieren stehen. Je sieben Mann wurden hintereinander an die Pfähle gebunden, dann Verlauf wie immer, und es krachten die Salven in den trüben Morgen hinein, nachdem vorher von den Pfählen laute Schreie ertönten, wovon mir vier noch lange in den Ohren klangen: Nieder mit Hitler, Göring verrecke, Heil Moskau! und: Es lebe Christus! Sofort war mir klar geworden, das waren junge Widerstandskämpfer, Kriegsgegner und Kriegsbeender, einig in diesem einen Ziel, längst vom gequälten Volk erhofft. Lauter junge, ge­sunde, ausgesuchte Leute, Jungmänner in den besten Jahren hingen nun mit verzerrten Gesichtern an den Pfählen mit offenen Mündern. Auch ich mußte den Toten in die erloschenen Augen als Zeuge ihres Todes blicken, also mitbezeugen.

Mahnender Abschluß
So verschieden in ihrer Gesinnung und in ruhigen Tagen getrennt und vielleicht gegeneinander, waren sie einig geworden im gemeinsamen Wider­stand bis in den Tod, einig für ein friedliches und freies gemeinsames Vaterland Österreich. Echte Kriegsopfer, denn nur der alles zerstörende und verzehrende Völkerkrieg stürtzte sie in dieses Los, raubte ihnen Zukunft und Leben, schuldlos durch Kriegsverursacher und Kriegsverlängerer ge­opfert. Nie wieder Krieg!, war der sich aufdrängende Gedanke, ja Losung, mir an die Seele greifend.

Ist nun dieser Gedenkstein als eine Erinnerung an die Opfer gedacht, so mag er als lebendiges Zeichen und Mahnmal jedem Vorbeigehenden und Vor­beieilenden einprägsam und laut zurufen: Hilf mit bei allen Friedensbemühun­gen und Friedenswerken in unserem Lande und in aller Welt. So angesehen und angenommen, hat er nun wohl erst nach vier oder fünf Jahrzehnten errichtet, seine volle Aktualität und Sendung, seine Berechtigung und Bedeutung. Merk­würdig für mich, als letzter Zeuge für heute aufgespart zu sein. Daher die Verpflichtung für mich, bei diesem Festakt öffentliches und wahres Zeugnis abzulegen. Mit tiefster Nachempfindung und innerer Genugtuung stehe ich vor dem Stein, dem Allmächtigen dafür dankend, daß es mir beschieden war, allerletzten Kameradschaftsdienst einst leisten zu dürfen. Möge es nie mehr wieder so weit kommen, daß ein solcher oder ähnlicher Gedenkstein nach unsäglichen Kriegsleiden aufgestellt werden müßte.
Dr. Franz Loidl

Es handelt sich um die von uns gekürzte und an einer Stelle der besseren Lesbarkeit umgebaute Rede bei der Gedenkstein Enthüllung, gehalten von Franz Loidl am 5.11.1984. Abgedruckt ist diese in Franz Loidl: Gedenkstein-Enthüllung für Widerstandskämpfer – Soldaten und Feuerwehrleute – auf der Kagraner Schiesstätte am 5. November 1984. (=Miscellanea, 3, Nr. 38, Wiener Katholische Akademie). Wien, 1984.