Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands/DÖW

Hans Rieger wurde am 19.Juni 1892 in Wien geboren, studierte Jus und evangelische Theologie, trat 1924 seinen Dienst als Pfarrer an. 1942 wurde er zum Seelsorgdienst in den Gefängnissen Wiens berufen, darunter das Landesgericht Wien.

In seinem Buch „Das Urteil wird jetzt vollstreckt“ von 1977 berichtet er über den Alltag im Gefängnis. Da uns nur wenig andere Berichte von Zeitzeug_innen aus den Gefängnissen vorliegen, müssen wir auch auf diese pastoralen Berichte zurückgreifen. [Foto: DÖW]

Kontakt zu Angehörigen

Mit dieser Beruhigung gelang es mir, neben meinem legalen Dienst eine verbotene Fürsorgetätigkeit auszubauen, die es mir ermöglichte, allmählich allen mir erreichbaren Todeskandidaten ohne Unterschied ihrer konfessionellen, weltanschaulichen oder parteipolitischen Zugehörigkeit zu dienen. Katholiken und Protestanten, Konfessionslose und Freidenker, Sozialisten und Kommunisten, sie alle genossen unterschiedslos die ihnen gebotene Erleichterung ihres Schicksals. Angehörige und Freunde der Gefangenen brachten zur Weitergabe bescheidene Genußmittelpäckchen in meine Wohnung. S. 19.
Das Schwerste (…) ist dann immer für mich, wenn die Angehörigen, die ja keine offizielle Verständigung von der vollzogenen Hinrichtung bekommen, sich an mich wenden und ich ihnen die Wahrheit sagen muss… S. 121.

Briefe:

Die Vormittagsstunden dienen den Verurteilten zur Abfassung ihrer Abschiedsbriefe. Dabei wollen sie ungestört sein. S. 37.
Er hatte soeben seinen Abschiedsbrief an die Mutter vollendet. Verstohlen hatte ich ihn mitstenograpfiert, da viele Abschiedsbriefe ihren Bestimmungsort nicht erreichte. S. 58.
[Rieger] musste von Zelle zu Zelle eilen, um die Abschiedsgrüße aller armen Menschen entgegenzunehmen, denn ihre letzten Worte, die sie dort niederschrieben, werden ja nicht den Angehörigen geschickt, sondern der Gestapo übergeben. S. 118.

Haft und Hinrichtung:

“Herr Pfarrer, wir brauchen Sie heute wieder.” Dieser kurze Satz, nicht mehr und nicht weniger, ist der Inhalt des telephonischen Anrufs, der mir besagt, daß heute wieder Hinrichtungen stattfinden und mindestens ein Evangelischer darunter ist. Wer wird es diesmal sein ? Erst an Ort und Stelle darf ich es erfahren. (…) S. 35-36.

Werden sie uns heute holen ? In allen Todeszellen das Parterretraktes ist das seit Morgengrauen bis 10 Uhr die bange Frage. Ab 10 Uhr kann man wieder ruhig sein. Aber jetzt, jetzt ist um 8 Uhr der kritische Zeitpunkt. Drei Wochen lang waren sie schon ausgebleiben. Zudem ist Donnerstag. Mittwoch oder Donnerstag, das sind meist die Tage der Vollstreckung. Es ist allerdings nur eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, denn sie haben auch schon an anderen Tagen getötet, einmal sogar am Karfreitag, dem 7.April 1944. Werden sie uns heute holen ? Unausgesprochen liegt diese furchtbare Frage auch am Donnerstag, dem 22. März 1945, auf allen vier Stockwerken des E-Traktes, obwohl es ja eigentlich nur die Parterre-Insassen angeht. Aber auch die nicht zum Tode verurteilten Strafgefangenen und Untersuchungshäftlinge bangen mit den Todeskandidaten im untersten Stockwerk. Plötzlich verstummt alles geschäftige Treiben auf den Gängen und Stiegen des geräumigen Hauses. Die sogenannten Hausarbeiter werden alle in ihre Zellen eingesperrt. Die Menschen scheinen den Atem anzuhalten. Nun herrscht Totenstille im ganzen Gebäude.
Entsetzt stellen die Insassen der “Köpflerzellen” den Eintritt dieser unheimlichen Stille fest. Welche Zellen kommen heute dran? Jetzt hört man, wie eine Zelle geöffnet wird. Es muß in der nächsten Nachbarschaft sein. Den aufgerufenen Namen hat man nicht deutlich verstanden. Nur das Klappern der vor der Türe abzustreifenden Holzpantoffel war deutlich vernehmbar. Heimlich und verstohlen müssen sich hier die Menschen auf Socken aus dem Leben schleichen. Erst in der Armensünderzelle erhalten sie ihre Pantoffeln wieder. Die Gerichtskommission betritt den Raum.

Hand und Fuß durch eine Eisenkette miteinander verbunden, stehen sie vor ihren Richtern. Der Staatsanwalt verliest jedem einzeln sein urteil und fügt hinzu: “Das Urteil ist in rechtskraft erwachsen und wird heute um 18 Uhr hier im Haus vollstreckt.” Nach der Verlautbarung aller Urteile wurden die Betroffenen gemeinsam gefragt: “Haben Sie das Urteil verstanden?” Ein mehrstimmiges lautes “Jawohl” kommt von den Lippen der Männer, die ihre Fassung wiedergewonnen haben. Die Todeskandidaten lösen sich aus der strammen Haltung.

Nun folgt ihre Verteilung auf die einzelnen Armensünderzellen, von welchen etliche sehr geräumig sind, andere wieder nur Kabinettsgröße haben. An “starken Tagen” wird der Tod im gesellschaftlichen Beisammensein von sechs bis zehn Personen erwartet. Die Frauen sind nur zu zweit oder zu dritt in einer Zelle. Kommt nur eine Frau in Betracht, so bleibt sie allein.

In den ersten Monaten des Jahres 1942, als die Mordmaschine noch nicht wie in späterer Zeit Massenbetrieb hatte, erfolgten die Hinrichtungen um 6 Uhr morgens. Mit der zunehmenden Zahl der Exekutionen wurden sie auf 18 Uhr abends verlegt.

Am Abend des 29.Juni 1942 drehte sich das große schwere Eisentor des E-Traktes Punkt 6 Uhr in seinen Angeln. In seinem rotverbrämten Talar erschien der Staatsanwalt mit den Herren des Gerichtshofes. Sie hatten wieder einmal die Aufgabe der sogenannten “Verlautbarung” zu erfüllen, das heißt, sie mußten den für den nächsten Morgen zur Hinrichtung bestimmten Häftlingen mitteilen, dass das über sie verhängte Todesurteil um 6 Uhr früh in diesem Hause vollstreckt werde. Die Schar der Opfer war diesmal so groß, dass die vorhandenen Armensünderzellen zur Unterbringung der Todgeweihten nicht langten. Man half sich dadurch, dass jeder Mann in seiner bisher von iihm bewohnten Einzelzelle blieb. Als die Boten des Todes ihren unheimlichen Gang beendet hatten, trat der Oberverwalter der Justizwache in Funktion. Er ging von Zelle zu Zelle, um letzte Wünsche entgegenzunehmen. S. 79f.

Obwohl am Tage der Vollstreckung jede Verabredungsgefahr unmöglich geworden war, achtete man streng darauf, dass “Komplizen” auch am letzten Tage ihres Lebens voneinander getrennt bleiben. Diese ebenso sinnlose wie unmenschliche Bestimmung des Strafvollzuges bedeutete (…) eine Verschärfung der Todesstrafe, als alte Freunde und Gesinnungsgenossen mit der ungestillten Sehnsucht nach einem letzten Wiedersehen sterben mussten. Desgleichen war auch ein Abschiednehmen von den Angehörigen unmöglich gemacht, weil die Hinrichtungstermine vor jedermann geheimgehalten wurden.
Da durfte ich dann wieder als Vermittler letzter Grüße dienen, die ich von Zelle zu Zelle trug. S. 115-116.

Wenige Minuten später trat Kleppel seinen letzten Gang an. Ich schritt in dem schlecht beleuchteten Gang an seiner Seite. Ich betete ihm vor…(…)
Wir standen vor der berüchtigten schwarzen Türe. Wenn sich ihre Flügel öffnen, ist das Übrige nur noch das Werk knapper Minuten. Und in dieser letzten Minute seines Lebens wandte Kleppel sein Gesicht zu mir und sprach: “Herr Pfarrer, bitte, gehen Sie doch lieber erst morgen zu meinen Eltern, damit sie heute noch eine gute Nacht haben und ruhig schlafen können!” Da wurde die Tür aufgetan. Blitzschnell wurde sie hinter uns geschlossen.
Wie heißen Sie ? – Hermann Kleppel. – Sie wurden wegen Hochverrats zum Tode verurteilt – das urteil wird jetzt vollstreckt. Unmittelbar danach ein lauter Aufschlag des niedersausenden Fallbeils.
“Man hört sie direkt sterben!” – So sprach am 9.November 1942 der brave und tapfere Svobodnik zu mir, als er bereits zu seinem letzten Gang gerüstet wurden und die Schläge des Fallbeils bei den Hinrichtungen seiner Vordermänner bis in seine Zelle drangen. S. 38-39.