Dieses Interview wurde dem AK Denkmalpflege Ende 2010 von Vladimir Vertlib freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Der Autor hat einer Veröffentlichung auf diesem Blog zugestimmt und steht auch einer wissenschaftlichen Verwendung offen gegenüber, untersagt aber eine literarische Verwertung des Interviews. Bei Unklarheiten diesbezüglich stellt der AK Denkmalpflege sehr gerne einen Kontakt zum Autor her.
Der Teil zur NS-Militärjustiz in Wien ist über die Suche (Strg+F) und die Schlagworte „Westbahnhof“ oder „Kettenhunde“ zu finden.

1.) Die Vorgeschichte:

Im Jahre 1976 schickten mich meine Eltern in die erste Klasse des Gymnasiums. Obwohl die Brigittenau, ein traditioneller Wiener Arbeiterbezirk, einen sehr hohen Ausländeranteil hatte, war ich der einzige Nichtösterreicher in meiner Klasse. Mein bester Freund unter den Schulkameraden hieß Jakob und war der Sohn des bekannten Wiener Kunstmalers Roman Haller. Doch nur wenige Wochen nach Schulbeginn ließ unser Geographie- und Turnprofessor den Vater meines Freundes zu sich in die Sprechstunde rufen. Unter Hinweise auf einige disziplinäre Probleme, die es mit uns Kindern gegeben hatte, und mit einem leichten Vorwurf in der Stimme sagte er: „Und überhaupt. Warum sucht sich ihr Sohn keinen Österreicher zum Freund?“
„Weil er sich die Freunde nicht nach der Staatsbürgerschaft aussucht!“ antwortete Roman Haller. Von diesem Vorfall erzählte er später meinen Eltern und mir.

2.) Roman Haller: Ein Interview (März 1997)

Die gravierenden Auseinandersetzungen in Österreich im Jahre 1934 habe ich schon bewußt miterlebt, als Knabe von fast vierzehn Jahren. Ich war damals schon sehr interessiert an den Zustanden. Mein Vater war ein sehr früher Sozialist. Er war schon seit der Jahrhundertwende organisiert, war aber später angeekelt von den endlosen Fraktionskämpfen innerhalb der Bewegung. Ihren Höhepunkt hatten sie ja später in der Sowjetunion erricht, denn wenn man einmal Macht hat, ist man leicht korrumpierbar.

Nach der Grundschule hatte ich auf Wunsch meines Vaters eine technische Lehranstalt besucht, und da war die Situation so, daß gut ein Drittel der Buben schon illegale Nazis waren. Ich war schon vom Elternhaus dagegen gefeit. Es wäre für mich eitel zu sagen, ich hätte alles überschaut und ich wäre schon im Alter von 15 Jahren fähig gewesen, Barbarei und Humanismus schon so glasklar auseinanderzuhalten. Ich hatte eine sehr unterschiedliche Erziehung. Meine Mutter war eine gläubige Katholikin und mein Vater ein atheistischer Sozialist, ein Schlossermeister, der schon am Beginn der Weltwirtschaftskrise erlebt hatte, was heute viele wieder erleben, daß der Billigere zu schlechteren Konditionen weiterarbeiten darf. Mein Vater war der ältere Schlosser im Betrieb, er war Jahrgang 1877. Ich hatte noch eine Schwester. Ich habe weder eine absolute dogmatische Faszination gehabt für die Lehrsätze des Sozialismus, die mir nur so en passant geläufig wurden, wobei mein Vater mich nicht direkt indoktirinieren mußte, weil wir ja ab 1934 eine schwarze Diktatur hatten, die nicht absolut parallel zu setzen ist mit der braunen. Im Anhaltelager Wöllersdorf konnte man sich immer, so man Geld hatte, das Gulasch aus dem Wirtshaus kommen lassen. Mein Vater war in den beginnenden 30er Jahren politisch schon sehr inaktiv, wie gesagt angeekelt durch diese permanenten… Intellektuell hat er auch überhaupt keinen Sinn gehabt für diese Theoriezerfleischungen. Ich kann nicht verhehlen, daß mich vieles auch aus der Welt der Mutter, aus der Welt der Kirchengläubigkeit auch nicht unbeeindruckt ließ. Zwischen diesen beiden Polen bin ich dann minder bewußt-unbewußt gependelt. Der katholische Humanismus hat mich ebenfalls geprägt, aber wesentlicher, beeinflußender für mich war das Untergymnasium mit einem Geschichtslehrer, der mit dem Transport der Zehntausend (1938), der heute ja schon ein Begriff ist, der sich ja nicht so abgespielt hat, daß tatsächlich zehntausend transportiert wurden: diese Transporte wurden erstaunlich früh durchgeführt, d.h. die Nazis haben beim Einmarsch schon fertige Listen gehabt. In den ersten Tagen nach dem Einmarsch sind diese Transporte nach Dachau gegangen. Man hat dann nach ’45 die Listen gesehen: die Auflistung war von links bis konservativ – es war eine Auflistung österreichischer Patrioten oder österreichischer Humanisten und absoluter Nazigegner. Dieser Geschichtslehrer, wie gesagt, war dabei, also nur zur Kennzeichnung, der hat sehr bewußt und sehr geschickt einige aus der Klasse – er hat es wahrscheinlich unterlassen aus zweierlei Gründen, aus Vernunftgründen und aus Gründen der Vorsicht bei Buben, die sehr schwer nazistisch indoktriniert waren, sich da zu engagieren. Aber er hat einige von uns immer wieder herausgeholt, ich habe das erst später begriffen wie geschickt er das gemacht hat, wie alles im Laufen war, er hat uns gefestigt in unseren Ansichten. Seine Einstellung war: er war ein praktizierder Katholik, er vertrat den humanistischen Katholizismus. Er erklärte uns die ganz praktische Seite: das Barbarentum des Faschismus. Wenn ich sage Wir, dann meine ich diejenigen aus der Klasse, die für alles Barbarische, für alles Grobe, für alles Gemeine einen ganz natürlichen Abwehrmechanismus entwickelt hatten, und den hat er dann unterstützt in einer sehr geschickten Weise.

Im Jahr 1936 war die materielle Lage meiner Eltern und die hunderttausender schon derart mies, daß ein Hamburger Onkel, der kein Nazi war, mir das Anerbieten machte, meine Berufsausbildung als Techniker in Hamburg fortzusetzen. Es ist das paradoxe eingetreten, daß meine Vater, obwohl er kein Nazi war, eingewilligt hatte, weil die finanzielle Lage einfach hoffnungslos war und weil er auch seinem Schwager auch durchaus zugetraut hatte, daß er mich abschirmt. Mit ihm habe ich zum Beispiel etwas aus heutiger Sicht Anekdotisches und Bemerkenswertes erlebt: ich bin mit ihm zusammen am Hamnburger Rathausplatz gestanden, der damals natürlich Adolf Hitler Platz hieß, und da wurde mit dem ganzen Regimepomp, in dem die Nazi ja Meister waren, womöglich gab es nichts Vergleichbares außer im alten Rom an Perfektion. Da wurde der Volkswagen vorgestellt. Man ja schon sehr früh, ich glaube 1935, begonnen für den sogenannten Volkswagen, den der Österreicher Porsche entworfen hatte, zu werben und hat sich ein Ratenbezahlungssystem ausgedacht mit einem kleinen Hefterl in das man in Felder wöchentlich Marken einklebte. Man mußte 998, also an die 1000 RM bezahlen, so markweise einkleben, dann hatte man Anrecht auf seinen Volkswagen, dann war man vorgemerkt. Man hat in absoluter Täuschung zwei oder drei Varianten hergestellt, lackiert und verchromt und vernickelt und stehen gehabt auf großen Podesten, die man heute kennt von den großen Sportwettbewerben, Ingenieure haben Erklärungen abgegeben, was dieser Wagen alles kann mit einer ununterbrochenen Betonung des Führers, als ob er jedes Rädchen persönlich dabei gemacht oder ausgedacht hätte. Und ich hatte vom Automobil natürlich keine Ahnung und habe ununterbrochen meinen Onkel Fritz gefragt. Man hat also erklärt, dieses Auto hätte den Motor hinten und das hätte also den Vorteil und bla bla… Ich fragte also Onkel Fritz, der Techniker war: „Ist das wirklich so ein Vorteil, wenn ein Auto den Motor hinten hat?“ Und er hat ganz ungerührt gesagt: „Wenn von vorne geschossen wird, was zumeist der Fall ist, dann schon.“ Und als der Techniker erklärt hat: „Das Auto hat den Vorteil einer Luftkühlung, es ist vom Wasser unabhängig.“ „Ist das für das Auto ein wesentlicher Vorteil, wenn es keine Wasserkühlung braucht?“ fragte ich Onkel Fritz. Und der hat lakonisch geantwortet: „Wenn man damit nach Afrika geht, dann schon.“

Ich habe dann später das Verladen von Kübelwagen, als der sich dann dieser Volkswagen herausgestellt hat, als Kommandowagen analog dem Jeep, den Amerikanischen, zu hunderten und zu tausenden gesehen, als diese Kübelwagen im Krieg tatsächlich nach Afrika verschifft wurden. Da habe ich mich an meinen Onkel Fritz erinnert. Er mußte natürlich vorsichtig sein und konnte nicht offen sagen: „Paß auf, den Volkswagen wird es gar nicht geben, der ist für den Krieg konstruiert.“ Davon hat er nichts gesagt. Er hat es nur angedeutet und wohl gedacht: Nun mach dir selber einen Reim. Aber in hunderterlei anderen Dingen ist er genauso vorgegangen. Er hat meine vielen Fragen zwar beantwortet. Und wenn man sie wortwörtlich wiederholt hätte, wären sie recht ungefährlich. Denk dir was dabei, hat er gedacht, wenn du es nicht kannst, kann man nichts machen. Eine sehr geschickte Art.

In Hamburg habe ich sofort volontiert auf einer Schiffswerft in einem technischen Büro und war Ausländer, hatte einen österreichischen Paß. Sie haben natürlich versucht, sich an mich heranzumachen, mich für die Hitlerjugend zu werben, aber es waren damals im technischen Büro auch tschechische Staatsbürger, sogenannte Sudetendeutsche. Rechtlich dort zu arbeiten und zu studieren war überhaupt kein Problem. Sie haben einen so hohen Bedarf an Arbeitskräften gehabt. Die Rüstung ist auf einer derartigen Hochtour gelaufen, wie man sich das gar nicht vorstellen konnte. Es ist auf der Werft in drei Schichten gearbeitet worden und in ähnlichen Fabriken auch. Wenn die Deutschen sowas mit ihrer Arbeitswut und mit ihrem Organisationsfanatismus in Angriff nehmen, dann nimmt das unheimliche Dimensionen an. Karl Kraus hat gesagt: „In Österreich wird die Härte des Gesetzes durch Schlamperei gemildert“. In Deutschland wird alles noch verschärft durch ihren Fanatismus.

Jeder Deutsche, der aus der Schule kam oder in einer Oberschule war, mußte einen Arbeitspaß haben, also keinen Arbeitspaß zu haben war soviel wie Vagabundage, Asozial. Auch wenn man studierte, waren eben die Studieneintragungen dort. Ich hatte im Arbeitspaß die Eintragung „Technischer Zeichner“, „Hilfskonstrukteur“. Ich konnte in einem Tempo avancieren, wenn man das mit dem späteren Nachkriegsösterreich vergleicht, in jeder Hinsicht, auch gehaltlich. Geld spielte ja keine Rolle, man hat es ja gedruckt. Nach dem Anschluß Österreichs bin ich dann zurück nach Wien. Der Anschluß war ein Schock für mich. Der Schock war so groß für mich, daß ich dem Vater ein verschlüsseltes Telegramm geschickt habe. Er hat das als jugendliche Torheit aufgefaßt. Er war ja erfahrener, es war wahrscheinlich auch unbedacht und ein bißchen gewagt. Ich hatte geschrieben, so ungefähr: „Zum traurigen Anlaß …“ Wenn dann ein Gestapobeamter nachbohrt und feststellt: in der Familie ist weit und breit nichts, keiner ist gestorben. Was hat er damit gemeit, der Rotzer?
Ich bin dann zurück nach Wien, die Wohnung meiner Eltern war viel zu klein, meine Schwester war inzwischen größer und hat das bißerl Raum für sich beansprucht. Ich habe dann in Untermiete gewohnt in der Habsburgergasse, bei einer Familie, wo der Mann der letzte Direktor des Stubenbasteigymnasiums gewesen war. Es war eine gemischte Familie: die Frau war Jüdin. Schon binnen einer Woche wurde einer Reihe von Personen, die in Mischehen lebten, die Trennung nahegelegt. Sie waren so infam, daß sie ihnen einzureden versuchen, die Trennung müßte nur formal sein, dann könnten sie ihren Posten behalten. Natürlich, sie wollten sie auf die Rutsche stellen, auf eine moralische Rutsche, auf der man abgleitet. Das hat mein Vermieter abgewiesen, und darauf wurde er mit einer sehr unzureichenden Pension, ich glaube 30% oder 40% seines Gehalts, entlassen. Selbst wenn man damit nicht verhugert ist, ist das doch eine tolle Umstellung. Sie mußten daher vermieten. Ich hatte ein kleines Kabinett. Ich habe zuerst große Angst gehabt, er hat mich ja sofort auf alles aufmerksam gemacht. Ich habe das alles schon gewußt von einem Freund, der die Familie kannte und mir die Adresse vermittelt hatte. Es war damals in Wien sehr schwer, eine Wohnung zu finden, weil nach dem Anschluß Österreichs tausende Nazis dazugekommen sind, für alle möglichen Verwaltungsstellen, und und und. Ich habe das Studium abgebrochen gehabt und habe kokettiert damit, meinem eigentlichen Berufswunsch nachzugehen und habe die Aufnahmsprüfung auf der Kunstgewerbeschule gemacht, aber erst im Sommer 1939.

In der Zeit, als ich bei der Familie wohnte, dort in der Habsburggasse, habe ich die Kristallnacht erlebt, die ich sonst wahrscheinlich nicht in der Intensität erlebt hätte. Ich habe zum Beispiel mit dem Fahrrad der Hausmeisterin, die die Familie sehr mochte und sehr annehmlich war, die mir mit aller Ängstlichkeit natürlich ihr Fahrrad geliehen hatte, in der Nacht, als die Synagogen brannten, einige Verwandte und Freunde der Familie, bzw. der Frau der Familie sowohl im Zweiten Bezirk als auch in der Josefstadt besucht. Ich habe in der Josefstadt die Synagoge in der Neudeggergasse niederbrennen sehen. Im 2. Bezirk wohnten Verwandte der Frau in der Tempelgasse. Ich habe dann eine blöde Äußerung gemacht, hätte fast Schwierigkeiten gehabt mit einem SA-Mann, der hat mich schon am Schlawittchen gehabt. Ich habe gesehen wie ein ganz junger Rotzer von einem Hitlerjungen einen alten Mann geschlagen hat und ich habe die Äußerung gar nicht gemacht, so klug war ich schon, in Hinblick auf den Tatbestand Hitlerjunge-Jude, sondern den Tatbestand Bub gegen einen alten Mann. Daraufhin hat der SA-Mann mich gepackt und wollte mich in ein nahegelegenes Nazilokal schleppen. Da ist ein Vorgesetzer von ihm gekommen und hat gesagt: „Laß den Trottel rennen, wir haben Wichtigeres zu tun.“ Sie waren ja dabei, der Feuerwehr Anweisungen zu geben. Die Feuerwehr ist routinemäßig ausgerückt. Sie war längst schon unterstellt als Feuerschutzpolizei und die Polizei war unterstellt dem Reichsführer SS und somit ein Teil der Nazimachinierie, war aber immer noch alten Traditionen verhaftet. Die Wiener Berufsfeuerwehr war ja ein Hort der Sozialdemokratie, ein Hort der militanten Sozialdemokratie, selbst wenn man ins Kalkül zieht, daß durch Dollfuß-Schuschnigg und nach dem März 1938 die bekanntesten, radikalsten Elemente natürlich schon längst ausgemerzt worden waren, war immer noch so viel Substanz da, so latente.

Schon in der Schulzeit, in der Zeit des Technikums hatte ich schon einige Gleichaltrige, zum Teil zwei, drei Jahre ältere kennengelernt, die so eine lose Gruppe gebildet haben. Wir nannten uns zwar nie von der Gruppe gesprochen, es war keine Organisationsform da. Es waren schon Autoritäten da. Es war da ein Wiener, der hat dann später eine Rolle gespielt in der Nachkriegsgeschichte nicht unbekannte Friedrich Hansen Löwe, der vor kurzem gestorben ist. Hansen Löwe war der Sohn eines dänischen Journalisten, der mit einer Wienerin verheiratet war, der zwei Söhne hatte, den Friedrich, bzw. den Frederik und den Owe. Owe, der jüngere der beiden, ging bei Kriegsbeginn nach Dänemark und hat sich dann, nach dem Einmarsch der Deutschen in Dänemark, von Leuten des Widerstandes überreden lassen, die Stellung des Dolmetschers beim kommandierenden General in Dänemark zu übernehmen, was ihm bei Kriegende fast das Leben gekostet hätte, weil die Gefährlichkeit einer illegalen Bewegung ja darin besteht, daß so vieles verdeckt ist und so vieles in den Ausläufern unbekannt ist. Für viele war er aber einfach ein Kollaborateur. Viele Mitstreiter der dänischen Widerstandbewegung haben ja nicht gewußt, daß viele Nachrichten, die sie hatten, von ihm kamen. Für die Widerstandbewegung war er wahrscheinlich ein wichtiger Mann. Der deutsche General, der kein Wort Dänisch sprach, war auf ihn angewiesen. Ich habe Owe auf Urlaub in Wien erlebt und er hat mir die Geschichte erzählt, daß er mit dem General auf Wunsch der Reichsregierung beim König gewesen war. Der dänische König ist ja auch im Land geblieben, was man ihm später fälschlich als Deutschfreundlichkeit ausgelegt hat. Die Deutschen haben das ja ganz legal gespielt, so als ob sie eine Schutzmacht wären für Dänemark, um sie vor den Angriffen der bösen Engländer zu schützen. Der General hat z.B. ganz offiziell um Audienz beim König angesucht, obwohl er jederzeit hätte die Türschnalle aufmachen können und sagen: Ich bin da! Er hätte auch sagen können: Kommen Sie zu mir! und der König hätte kommen müssen. Es gab ja sogar ein Parlament. Nur die beiden Linksparteien mußten ausscheiden und die anderen durften Gesetzemachen spielen und die Gesetze dann dem Militärkommandanten vorlegen, und wenn er sie nicht unterschrieben hat, haben sie nicht gegolten. Und wenn es sich um die Einführung von irgendwelchen Tafeln auf der Straße gehandelt hat, dann hat er halt unterschrieben. Der General kam also zur Audienz beim König und hat in einer preußisch direkten Korrektheit, dem König mitgeteilt, daß die Reichsregierung wünscht, daß die dänische Regierung Gesetze beschließt analog den Nürnberger Rassegesetzen. Die Antwort des Königs war: Teilen Sie der Reichsregierung mit, daß wenn Sie darauf bestehen – es war irgend ein Feiertag – dann werde ich mit königlicher Familie in offener Karosse durch die Stadt zur Synagoge fahren mit dem Judenstern. Daraufhin hat man von Berlin das erste Mal Avviso gegeben: Abblasen! Aber das war nur ein Abschweifer. Zu der Zeit war ich ein werdender Vater, als ich die Geschichte erfuhr. Und deshalb heißt mein älterer Sohn Christian, nach dem dänischen König. Er wurde noch 1943 geboren, ich hatte im Krieg geheiratet.

Die Gruppe, in der ich war, war ein gewisser Halt. Es waren einige Buben dabei aus Familien, die emigrieren mußten 1938. Solche Dinge, die man persönlich erlebt, die sind ja für einen Jugendlichen viel gravierender, viel prägender als Theorie. Ich hatte Schulkollegen, die emigrieren mußten. Ich kam zum Beispiel aus Hamburg zurück und sehe in der Josefstadt, dieses untere Stück der Josefstädter Straße, wo es so steil herauf geht, sehe da einen Jüngling einen Handwagen ziehen und erkenne meinen Schulkollegen – das war der Klassenprimus aus dem Untergymnasium, der zieht da den Handwagen eines Installateurs, und ich renn auf ihn zu und sage: „Servus!“ und der flüstert: „Haller, sei nicht blöd, verschwind da in das Haus dort!“ Das war eine Hausecke, wo das Theater an der Josefstadt vorspringt, und ich bin da ins Haus rein und er hat den Handwagen abgestellt und geht rein und sagt: „Es ist sehr schön dich zu sehen, aber hast du nicht begriffen in welcher Zeit wir leben? Du rennst da so einfach auf mich zu.“ Ich frage ihn: „Was machst du da? Seit wann bist du Installateur?“ und er antwortet: „Wir wollen sehen, daß wir nach Palästina kommen.“ Er hatte mitlerweise irgendein Studium begonnen, ich könnte jetzt gar nicht mehr sagen, was. Es war irgendwas Geisteswissenschaftliches. „Ich nehme an“, sagte er, „man wird sich in Palästina eher durchschlagen können, wenn man Wasserrohre zusammenschrauben kann, als wenn man in Sanskrit übersetzen kann.“

Im Sommer 1939, um wieder persönlicher zu werden, bin ich gemustert worden. Der Jahrgang 1920 wurde 1939 neunzehn und war zur Musterung ausgeschrieben, und da saßen die Offiziere, und nachdem der ärztliche Teil vorbei war, ist man an denen vorbeigezogen mit den Papieren und ein wesentliches Papier war das schon erwähnte Arbeitsbuch und der Offizier, der da offensichtlich den Vorsitz führt, der sieht im Arbeitsbuch die Eintragungen einer Schiffswerft und zeigt das sofort dem Marineoffizier. Da saßen ja die Offiziere aller Wehrmachtsteile, auch der SS-Offizier für die Freiwilligenmeldung zur SS. Im Deutschen Reich, auch schon vor Hitler, gab es den Begriff der sogenannten Küstenbevölkerung. Dazu zählte einmal alles, was im Bereich von etwa 30 bis 40 Kilometern entlang der Küsten wohnte, aber es zählten dazu auch alle Personen, die in der Fischerei, im Schiffbau u.s.w. tätig waren. Die Marine konnte, wenn sie wollte, auf die zurückgreifen. Das war der Grund, warum ich zur Marine gekommen bin. Nur ich habe mir nicht viel daraus gemacht. Ich kann mich erinnern, ein paar Freunde haben auf mich gewartet am Nachmittag. Wir haben uns getroffen, und die haben mich gefragt: „Was ist los? Wo kommst du hin?“ und ich habe geantwortet: „Sie haben mich genommen, zur Marine, aber vorläufig habe ich mal ein Jahr Aufschub bekommen.“ Ich hatte meine Inskription von der Kustgewerbeschule mitgebracht, und habe den Aufschub sofort anstandlos bekommen. Es war ja noch kein Krieg. Das ging da durch ein paar Stellen durch. Irgendein Beamter hatte da was ausgeschrieben. Ich habe also sofort eine Zurückstellung auf ein Jahr gehabt. Und als Freund bestürzt waren und gesagt haben: Zur Mariiiene …, habe ich gesagt: „Du, das ist mir so wurscht. Sollte es Krieg geben, hau ich sowieso ab.“ Das war dann auch so. Dabei habe ich gar nicht so direkt gedacht, das war so eine ambivalente Haltung. Es ist dann allerdings immer mehr und mehr unheimlich geworden im Laufe des Sommers. Es ist dieses Friedensgeschrei, aber nicht nur auf der deutschen Seite, auch auf französischer, englischer Seite: man hat ununterbrochen den Frieden gerettet gehabt. Alle vierzehn Tage neu. Man hat Papiere geschwenkt: und schon wieder ein Vertrag. Heute, hier, jetzt, hinterher sagt man: wie konnten diese Berufsdiplomaten annehmen, daß man einen Vertrag machen kann mit Hitler. Ich mache mit einem Kriminellen einen Vertrag, daß er meine Wohnung nicht angreifen wird, er wird sich loyol verhalten: absurd! Aber es ging dann sehr rasch. Wenige Wochen später kam der Krieg wie eine Flutwelle. Wir haben zugewartet. Ich habe mit Freunden gesprochen. Es war kein Vergleich mit der Jubelstimmung bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, selbst nicht unter Nazis. Natürlich haben sie sehr vertraut auf ihre Superrüstung. Mir ging es z.B. so: ich habe in punkto Rüstung, zumindest was die Marine betraf, Vergleiche gehabt. Dadurch, daß ich auf der Werft gearbeitet habe, habe ich ungefähr eine Ahnung gehabt: wie sieht das aus in der deutschen Flotte. Es lagen Schiffe in Bau, von denen alle wußte, sie werden erst in zwei, drei Jahren fertig. Und das was da ist, ist nicht übermäßig. Und ich habe da ein Erlebnis gehabt, 1938. Da war in Deutschland angesagt, auf Monate voraus, der Besuch Hortys bei Hitler und die Regierung in Berlin hat auf der Werft anfragen lassen, welches repräsentatives Schiff im Bau ist, das man dem Horty zeigen kann und auf dem Horty auf der Seite von Hitler eine Flottenparade abnimmt in der Ostsee. Und da war ein Schiff im Bau, das nicht besonders groß war, ein Passagierschiff, „Patria“ war der vorgesehene Name, und war aber technisch bemerkenswert: es war das erste diesel-elektrisch betriebene Schiff. Da hat also Hitler, bzw. seine Instanzen haben angefragt, wann das fertig sein wird. Man hat ihm geantwortet, ist wird fertig sein in sieben Monaten, und da kam eine Depesche zurück binnen weniger Stunden: es wird fertig sein in zwei Monaten, jedenfalls in einer so enorm verkürzten Zeit, daß man in Friedenszeiten gesagt hat: Normal ist das unmöglich! Und da war es möglich, wir haben einfach Tag und Nacht gearbeitet. Wir haben von irgendwoher Matratzen besorgt und dann einen Raum ausgeräumt, wir hatten ein riesiges technisches Büro, unsere Abteilung, wir haben also irgendeine kleine Kammer ausgeräumt und haben da Matratzen reingelegt. Wenn einer müde war, da hat er sich da einmal für zwei, drei Stunden hingelegt und hat dann weitergemacht. Alle hatten wahnsinnig Schiß. Man hat sofort gesagt: wenn das nicht fertig ist zu dem Termin, dann ist das Sabotage. Und es war fertig. Aber wir durften dann als Belohnung, durften mehr als tausend, ungefähr soviel Passagiere konnte es fassen, an der Erprobungsfahrt teilnehmen. Diese Erprobungsfahrt hat man natürlich gleich zu einer Demonstration gemacht und ist damit rund um die britische Insel gefahren. Und als wir im Morgengrauen an die Themsemündung kamen, ist das Schiff auf einmal gestoppt worden durch irgendein Signal, von dem wir nichts wußten. Wir sind also aus den Betten raus, rauf an Deck, kam ein Lotse an Deck, niemand wußte, was los war. Und dann hat man gesehen, es taucht aus der Themsemündung, tauchen also britische Kriegsschiffe auf. Es war ein kleiner Teil der Flotte, wie mir ein Ingenieur der mit war, schon ein älterer, erfahrener, der auch kein Nazi war, mitgeteilt hat. Wir waren alle sehr beindruckt, aber dieser ältere Ingenieur hat erklärt, daß sei ja nur ein kleiner Teil der „Home Fleet“, da gibt es ja noch die Ostasienflotte, die Afrikaflotte, u.s.w. Und dann hat er so leise gesprochen, offensichtlich auch, um mir was Wichtiges mitzuteilen: Und die amerikanische Flotte ist auch Zwei Drittel davon. Ich wußte also von all dem. Mich hat das nicht beeindruckt, was so viele Nazis beeindruckt hat, die geglaubt haben, diese Rüstung sei enorm. Sie war natürlich irgendwo enorm, und sie war es natürlich dadurch, daß die Briten, das weiß man heute, ihre Rüstung kläglich vernachlässigt haben. Die waren ja in der Luftwaffe zu Beginn des Krieges derart unterlegen, daß sie ja ziemlich lange gebraucht haben, um zurückschlagen zu können.

Wenige Wochen später also, nach Kriegsbeginn, kommt so ein allgemeines Avviso, wo ist plakatiert worden, daß alle Rückstellungsanträge und alle Ausnahmebestimmungen außer Kraft gestellt sind und jeder müsse sich melden beim Wehrbezirkskommando. Es kam eine Nachmusterung. Mein Aufschub ist sofort gestrichen worden. Meine Papiere gingen an einen Zivilbeamten weiter von der Arbeitsmarktverwaltung von der großartigen, so was in der Art von dem, was Haider will. Der schaut sich mein Arbeitsbuch an, und ich habe sofort ausgestellt gekriegt einen Dienstverpflichtungsschein: binnen vierzehn Tage, diese Zeit hat man mir noch als Urlaub gegeben, dann mußte ich nach Wiener Neustadt fahren und mich dort bei den Flugzeugwerken melden. Die Marine hat nur ihre gewissen Kontingente gebraucht, die Flotte war ja nicht so groß. Ich wurde arbeitsverpflichtet, war aber noch kein Wehrmachtsangehöriger. Diese Dienstverpflichtungen hatten natürlich schon einen Teil dessen. Man durfte z.B. nicht, man hat so ein Merkblatt gekriegt, man muß jedes Verlassen über dreißig Kilometer hinaus melden u.s.w. Das ist schon so ein militärähnliches Verhältnis. Na ja, es war eine große Bestürzung da.

Mein Freund Kurt, der eine jüdische Mutter hatte, der Vater war verstorben, der Vater war ein k.u.k. Offizier gewesen, ein hochrangiger, der hat gesagt: „Du ich geh mit, irgendeine Hilfsarbeiterstellung werde ich schon kriegen.“ Wir waren drauf und dran Pläne zu schmieden: Wie hauen wir ab? Seine fixe Idee war, wir schlagen uns durch am Balkan, natürlich alles unwahrscheinlich unreif. Wir waren so überzeugt davon, ohne daß wir davon sprachen, daß wenn es eine gelingt die Grenzen des Großdeutschen Reiches zu überschreiten, daß jeder auf dich zukommt und sagt: „Ich freu mich mit dir, daß es dir gelungen ist!“

Wir haben es dann gemacht. Praktisch hat sich das so abgespielt. Wir haben uns in Wiener Neustadt ein Quartier gesucht, in Untermiete. Das war eine ganz böse Nazifamilie, aber von der primitivsten Art. Der Mann – ein Hilfsarbeiter – ehemaliger Sozialdemokrat, der sich jetzt die Lunge aus dem Hals schrie, ein ganz übler Typ. Der hatte keine Ahunung, daß er, in der Nomenklatur der Nazis, einen Halbjuden beherbergte. Jetzt kam noch das Groteske: der Kurt war fast einen Kopf größer als ich, vielleicht ist das ein wenig übertrieben, vielleicht nur einen halben Kopf, aber er war jedenfalls ein Hüne gegen mich. Ich war damals wahrscheinlich auch schon Ein Meter Fünfundsiebzig, war nie sehr breit, und er war ein sehr, ein ziemlicher Lackel, so daß uns dann später in Jugoslawien, wenn wir hie und da Hilfe bei irgendwelchen jüdischen Organisationen suchten, dann haben wir uns bald angewöhnt, von Haus aus zu betonen, daß nur einer von uns beiden hier zuständig wäre, wegen seiner jüdischen Mutter. Und dann waren sie immer sehr überrascht, daß es gerade der Riese von den beiden war, denn vom Kurt hätte man eher sagen können, er wäre aus der SS geflohen. Er hat auch diese militärische Haltung gehabt, vielleicht hat er das von seinem Vater angenommen. Der wäre in einer Naziorganisation gar nicht aufgefallen.

Es gelang auch ziemlich leicht, ihn in den Flugzeugwerken unterzubrigen. Er hat da im Lager gearbeitet, hat so eine Art Lagerbuchhaltung gemacht. Ich habe ja gleich am ersten Tag meinem Vorgesetzten gesagt: „Ich habe da einen Freund, der könnte als Hilfsarbeiter arbeiten. Der ist zwar kein Techniker, aber…“ „Ja, ja“, hat der geantwortet, „den können wir brauchen, wir brauchen alles.“ Es war ja so, daß nach Kriegsbeginn ein Gesetz erlassen worden war, daß Betriebsführer streng bestraft werden, wenn sie sich die Arbeiter gegenseitig abwerben. Alle lagen unter Druck, mußten ihr Plansoll erfüllen, hatten aber permanent zu wenig Leute.

Wir wohnten also miteinander und haben gemeinsam weiter unsere Pläne geschmiedet und dann stand sehr bald fest: wir müssen es terminmäßig so machen, daß wir einen ziemlichen Vorlauf haben, also irgendwann in den Weihnachtsferien. Wir wußten, wir hatten zu Weihnachten zehn Tage, wo wir einen Schein kriegten, um nach Wien fahren zu dürfen, sonst, von Samstag auf Sonntag wäre das zu gefährlich gewesen. Wir sind aber vorher schon einmal zum Wochenende runtergefahren, im November ungefähr, war schon saumäßiges Wetter, ins Lavanttal bis ans Ende und haben uns dort die Grenzsituation angeschaut. Wir haben gefunden, man müßte da eigentlich ganz leicht rüberkommen über die Karawanken. Das könnte rein physisch zu machen sein. Haben uns überlegt: das wird Winter, da ist Schnee. Und tatsächlich es war ein unwirtliches Wetter, es war fast ein Meter Schnee und wären wirklich um ein Haar in die Grenzwache gelaufen. Aber es gelang. Wir sind über die Karawanken runter Richtung Maribor und haben uns dann durchgeschlagen der Save entlang, eigentlich ziemlich wirr. Die Absicht war quer durch Jugoslawien bis an die griechische Grenze und, wir haben uns das vorgestellt, echt wie Kinder, so mit dem Finger auf der Landkarte, dann nach Griechenland und von Griechenland nach Palästina und das gehe alles so unproblematisch. Desto südlicher wir kamen in Jugoslawien… Teilweise zu Fuß, teilweise konnte man vierter Klasse Bahn fahren, da gab es noch vier Klassen in Jugoslawien, die vierte Klasse: das waren Viehwaggons. Wir haben wenig Geld gehabt, wir haben hie und da von Hilfsorganisationen etwas zugesteckt bekommen, von ausschließlich jüdischen, andere, linke z.B., die gab es ja nicht in Jugoslawien. Die Situation in Jugoslawien politisch, und damit auch polizeimäßig war so, daß die Regierung Stojadinovic versucht hat, was aus heutiger Sicht verständlich ist, Jugoslawien aus dem Krieg herauszuhalten, ein völlig unmögliches Anliegen, und wir haben das immer zu spüren bekommen, wenn der Regierungschef einen Monat zu Besuch bei Hitler war, wenige Wochen darauf war er in London und jedes Mal hat man gemerkt: jetzt sind irgendwelche neue Bedingungen ausgehandelt worden. Wenn er bei Hitler war, gab es wieder Razzien, da mußte man wahnsinnig Acht geben. Oben an der Save gab es ein riesiges Lager für Emigranten. Wir waren einmal sogar schon verhaftet von einem… Die Balkanstaaten, die haben natürlich bald nach Kriegsbeginn ihre Grenzen gegeneinander geschlossen, mit Militär und Stacheldraht, Grenzbefestigungen, natürlich klägliche, die für ein gerüstetes Heer natürlich eine Lächerlichkeit waren. Wir haben dann später bei der Ausweisung nach Italien sowas gesehen. Wir konnten uns den Winter hindurch, bis zum Frühjahr, durchschlagen. In den Süden, mußten dann aber vom Süden wieder rauf. Im Süden gab es keine Möglichkeit durchzukommen. Dort war militärisches Aufmarschgebiet. Je weiter wir in den Süden kamen, umso mehr Emigranten trafen wir dort. Serbokroatisch habe ich natürlich kümmerlichst gesprochen, was man so aufgreift. Wie haben wir eigentlich gemerkt, daß wir unter Kroaten sind oder unter Serben? Das Schlüsselwort war Brot, das heißt in der einen Sprache kruh und in der anderen hleba. Es gibt ungefähr, das habe ich natürlich erst später erfahren, es gibt ungefähr sechs-, siebenhundert Vokabeln, die in den beiden Sprachen gravierend anders sind. Tito war ja später sehr bemüht eine serbokroatische Sprache zu erzwingen. Bei der bäuerlichen Bevölkerung hat das poltische Moment natürlich keine Rolle gespielt. Da hat man einfach ein mitleiderregendes Schicksal gehabt. Das hat zum Beispiel den Bauern immer eingeleuchtet, wenn man gesagt hat, man wolle nicht zum Militär. Das konnten sie verstehen. Alles anderen: politische Motivation oder gar humanistische war viel zu hoch gegriffen. Unten, im hundert Kilometerbereich zur Grenze war wahnsinnig viel Militär. Wir sind in Ortschaften gekommen, da hatten wir den Eindruck, um das Dorf herum lagern mehr Emigranten als was das Dorf Bevölkerung hat. -Wir sind permanent mit anderen Emigranten in Berührung gekommen. Es waren sehr viele aus Deutschland. Diesem Umstand verdanken wir alle möglichen Gerüchte, aber das ist dir wahrscheinlich vertraut, unter Emigranten wird alles mögliche kolportiert, Fantastisches und Resignatives. So haben wir z.B. einen Berliner jüdischen Arzt kennengelernt, der hat gemeint: „Ihr habt es gut, Ihr habt als Österricher eine Exilregierung.“ Das hat gar nicht gestimmt, denn völkerrechtlich konnten wir gar keine Exilregierung haben, denn die letzte österreichische Regierung unter Seyss-Inquart hat ja sich selbst aufgelöst und hat vorher noch Hitler um den Einmarsch der Truppen gebeten. Dieses Gerücht haben wir dann aber tatsächlich in unserer letzten Verzweiflung glauben wollen. Faktum war, daß wir festgestellt haben, ganz depressiv, daß unser ursprünglicher Plan – über Griechenland nach Palästina – auf diesem Weg nicht zu verwirklichen ist. Wir haben also beschlossen: wir müssen uns zur Küste durchschlagen, vielleicht kann man über die Küste noch irgendwie rauskommen, und sind nocheinmal rauf das ganze Stück und über Bosnien und Sarajevo und runter zur Küste und sind in Dubrovnik gelandet. Wir haben in Dubrovnik etwas ganz tolles, fast Literarisches erlebt: Wir sitzen in so einer billigen Schenke, in so einem billigen Wirtshaus und flüstern miteinander, natürlich vermieden lautstark miteinander zu reden, um nicht aufzufallen. Die Wirtin, die so vorbeikommt, die geht auf einmal auf uns zu und spricht uns Wienerisch an. Sie war tatsächlich eine Wienerin, die Krankenschwester war im Ersten Weltkrieg und einen Serben geheiratet hat und sich mit dem nach dem Krieg niedergelassen und ein Wirtshaus eröffnet hat, in einem Nebenort von Krusch, von Dubrovnik, das ist der kleine Nebenhafen. Sie hat uns einige Tage geholfen, allein dadurch, daß wenn wir schon ganz ausgehungert waren, zu essen gegeben hat. Und die hat uns dann bekannt gemacht mit einem Fischer, der uns versprochen hat, uns nach Albanien zu bringen. Und wir sind in der Nacht, in der wir von ihm abgeholt werden sollten, ungefähr zwei, drei Stunden vorher verhaftet worden. Es muß eine Anzeige gewesen sein, jemand, der uns schon ein paar Tage beobachtet hat, irgendein Polizeispitzel, man hat noch gesehen, wir sind den Mann schon ein paar Mal begegnet, wir haben ihn also gesehen, und er steckt auf einmal den Kopf rein zur Tür und zeigt ins Lokal rein und verschwindet wieder. Ein paar Sekunden später geht die Tür auf und ein paar Polizisten kommen herein und gehen auf uns zu, ganz gezielt, ohne die anderen Leute zu beachten.

Kurz noch zurück, zu unserer langen Wanderschaft: Wir hatten in Jugoslawien natürlich versucht zu arbeiten. Wir haben einmal, als das Frühjahr kam, auf einem Gut haben wir ein bißchen bei der Frühjahrsbestellung mitgeholfen. In Sarajevo haben wir vierzehn Tage lang bei einem Kaufmann gewohnt und dort auch ein bißchen was verdient. Der hat so alle möglichen Hilfsarbeiten gehabt für uns.

Nach der Verhaftung ging dann eine ungefähr vierwöchige Odyssee los, so 27, 28 Tage, und zwar so ein richtiger Kompetenzdschungel. Das hing zusammen mit der, wie wir dann später rekonstruieren konnten, mit der innenpolitischen Situation des Landes. Es wollte niemand entscheiden. Jeder wollte uns dem anderen in die Schuhe schieben. Da hieß es einmal: „Nein, wir sind nicht zuständig in Dalmatien! Wo sind die hergekommen? Aha… Nach Belgrad.“ Also sind wir am Schubtransport nach Belgrad gegangen. In Belgrad hat man gesagt: „Nein, wir sind nicht zuständig.“ In Dubrovnik waren wir zu zweit in einer Zelle, sind dann am nächsten Tag von diesem Nebenort nach Dubrovnik rein. In Dubrovnik hat sich zwei Tage überhaupt nichts getan, und dann sind wir auf Transport gegangen nach Belgrad. In Belgrad gab es ein Verhör und man fragte uns, wo wir die Grenze überschritten hätten: Dravograd. Das ist Slowenien, also hat man uns nach Ljubljana geschickt, aber auch nicht so direkt, wie sich das jetzt anhört. Diese Schubtransporte haben oft tagelang gedauert. Wir fuhren mit dem Zug. Da war so ein Viehwaggon, der wurde irgendwo angehängt, der blieb dann irgendwo stehen. Da waren andere Emigranten drinnen, da waren aber auch Einheimische, die wegen Vagabundage oder sonstiger Delikte, Diebstahl oder weiß Gott was alles verhaftet worden waren und transportiert wurden. Entscheidend war, daß in Ljubljana endlich ein Spruch gefällt wurde. Da sind vor einem Polizeijuristen gekommen. Wir haben uns schon ein bißchen ausgekannt in den Uniformen. Der war im Majorsrang. Und der war nicht unübel, er sprach auch einigermaßen gut Deutsch, ansonsten haben sie oft Dolmetscher beigeholt, die überhaupt nichts gekonnt haben. Der konnte sagen: „Gut“ und „Ja“, und das war’s dann auch. Also was den Major erstaunt hatte: der konnte durchaus akzeptieren, daß Kurt aus diesem Reich wegwollte. „Aber“, sagte er zu mir, „was hat Sie eigentlich dazu bewogen? Sie haben doch keinen Grund.“

[Das hat ja auch dann in der politischen Gesetzgebung eine Rolle gespielt. Ich habe z.B. nach dem Krieg, da konnte ich nicht eingestuft werden als Verfolgter. Ich war nicht politisch verfolgt und ich war nicht rassisch verfolgt. Den dritten Beweggrund bei Emigration, den hat man in der Jurisdiktion überhaupt nicht berücksichtigt. Ich kann mich erinnern, wie ich mit einem Beamten der MA 12, dort sind die ganzen Daten gesammelt über Emigration, Haft, etc., gesprochen habe. Der hat gemeint: „Ja, das ist eine echte Gesetzeslücke. Aber wenn es Sie beruhigt, es betrifft derzeit in Wien ungefähr 12.000 Personen. Sie sind nicht der einzige!“]

Der Major war also so kulant, der hat gesagt: „Ich muß euch auf jeden Fall abschieben. Ich kann es aber verantworten, euch nach Italien abzuschieben, wegen der Nähe der italienischen Grenze. Wollt ihr das?“ Wir sagten zu. Was blieb uns auch anderes übrig.

Wir sind da in so einen Grenzort transportiert worden und mußten dort warten, bis die Dämmerung begonnen hat. Dann hat man uns die Augen verbunden und hat uns dann durch diesen Grenzbereich geführt. Ich habe dann unter der Binde durchgeschaut, und habe gesehen: da waren ganz kümmerliche Grenzbefestigungen. Pfähle waren in den Boden geschlagen und dazwischen waren Weidenruten, dazwischen war Sand aufgeschüttet. Für Panzer also eine Spielerei. Aber das durften wir nicht sehen, das war ein so großes Staatsgeheimnis. Sind wir dann liegengeblieben, weißt du, in einem Wald. Und dann sind wir den Hügel rauf und da hat der jugoslawische Grenzbeamte uns erklärt, radebrechend, „Graniza (Grenze) da! Italiana da!“ Da haben wir ihn schon gehört: ein italienischer Doppelposten, der hat „O sole mio“ gesunden, in einer Lautstärke, die war echt arg. Der Grenzposten hat uns erklärt, da hat er uns gezeigt an seiner Uhr, das dauert jetzt eine halbe Stunde und dann kommt er wieder zurück von der anderen Seite und in der Zeit müssen wir rüber. Er hatte aber schon ein Kommando gegeben. Der Soldat der mit war, der hat schon das Gewehr abgenommen und aufgepaßt, daß wir nicht zurückkommen.

Vielleicht noch einige Worte zu Jugoslawien: Da war eine kleine serbisch-orthodoxe Kirche. Es ist ein Abendgottesdienst gehalten worden. Da war ein relativ guter Chor. Also in aesteticis war das Ganze wundervoll, aber wenn man rausgeschaut hat und über die Save rüber, diese breite, träge fließende, war drüben der Ort Bosanska Brod und da war eine Moschee mit einem Minarett. Da habe ich so richtig das Gefühl gehabt, am Schnittpunkt von zwei Welten zu sein. Im Verhalten habe ich dann den kulturellen Unterschied nicht gespürt. Sprache ist ja was Dominantes, was Gravierendes. Wir haben von den pluderhosentragenden Moslems genaus dieselbe, oder für uns zumindest absolut gleichklingende slawische Sprache gehört. Wir sind dann erst mit der Zeit draufgekommen, als wir nach Brot gefragt haben, daß es da zwei verschiedene Ausdrücke gibt. Die haben uns darauf aufmerksam gemacht, daß es bei ihnen nicht kruh sondern hleba heißt. Aber ansonsten. Auch die anderen Emigranten wollten alle nach Griechenland. Einige hatten die Türkei im Visir. Es waren unter den Emigranten sehr viele Junge, die ihre Emigration sehr emotionell, sehr unvorbereitet. Ich kann mich erinnern, nach dem Krieg habe ich einen lieben Kollegen kennengelernt, der dann später ein Freund von mir wurde und der hat gesagt: „Wie bist du auf die Schnapsidee gekommen über den Balkan emigrieren zu wollen?“ Du, wir haben uns das so überlegt: Schweiz geht nur, wenn man viel Geld hat, wenn man dort ein Konto hat, wenn der Papa dir die Kontonummer mitgegeben hat. Italien war faschistisch, Ungarn detto…

Italien war für uns von zwei Übeln das Geringere. Erstens konnten wir damit rechnen, daß der italienische Faschismus zwar nicht harmlos, aber harmloser als deutsche. Man redet sich, wenn man in der Klemme sitzt immer alles mögliche ein. Wir haben gedacht: Na ja, der Hafen von Triest ist vielleicht doch noch etwas frequentierter. Das haben wir ja in Dubrovnik schon gehofft, über See weiterkommen zu können, in irgendeiner Art uns zu verdingen, legal oder illegal. Es lag ein britischer Frachter auf Reede. Er hatte Bauxit geladen, er hatte irgendwelche Schwierigkeiten. Italien war noch nicht im Krieg. Das hat uns damals auch hoffen lassen. Es war damals Ende April 1940. Wir beide hatten getrennte Quartiere in Triest. In Triest haben wir gemerkt, im Hafen sei nichts los und waren ziemlich ratlos. Jetzt fiel uns die Äußerung des Berliner Emigranten ein, der uns beneidet hatte, daß wir ja als Österreicher eine Exilregierung haben und dadurch jetzt Hilfe erwarten könnten von den Westmächten. Und dann haben wir das Telephonbuch durchgeschaut, ob es da ein Konsulat gibt. Hafenstädte haben das ja meistens, überhaupt mit schiffahrenden Nationen. Tatsächlich gab es ein britisches Konsulat. In das sind wir gegangen und haben mit unserem Schulenglisch dem Herrn Konsul unsere Situation erklärt, und der war sehr höflich. Und der hat gesagt: „Nein, da sind Sie einem Gerücht aufgesessen! Österreich kann gar keine Exilregierung haben, denn die Regierung hat sich ja selbst aufgegeben, ist ja freiwillig ins Messer gelaufen. Das gibt’s ja gar nicht.“ Also die Version, die dann später in Jalta aufgetaucht ist, daß Österreich das erste überfallene Land ist, war eher eine politische Spekulation als eine Tatsache. Stalin hat ja damit spekuliert, daß die UdSSR Schutzmacht Österreichs wird.

Dann haben wir noch was: ein großer Mann, der hat gefragt, ob wir ein Papier hätten, ganz allgemein, zur Dokumentation der Person. Der Kurt hatte eine deutschen Paß, mit dem „J“ über die Seiten gestempelt, und ich habe überhaupt kein Papier gehabt, denn bei der Musterung mußte man alle seine Papiere mitbringen und man kriegte einen sogenannten Wehrpaß ausgestellt und der zivile Paß ist dir abgenommen worden. Der lag beim Bezirkskommando, und das einzige, was ich hatte, war ein abgelaufener österreichischer Paß, den hatte ich, um mich auszuweisen, obwohl ich wußte, daß es dieses Land völkerrechtlich im Augenblick nicht gibt und auch fraglich ist, ob es das je wieder geben wird. Emigranten basteln in einer verzweifelten Lage alle möglichen Phantasien zusammen. Irgendeiner hatte uns einmal erzählt, die Norweger geben einen sogenannten Nansen-Paß aus, und der wird international anerkannt als Ausweispapier. Da wir bei unseren Spaziergängen in der Stadt irgendeine norwegische Fahne gesehen haben und die Aufschrift „Konsulat des Königreichs Norwegen“ haben wir dort nachgefragt. Der hat gesagt: „Ja, das hat es einmal gegeben, aber das ist schon lange her.“ Das hat man nach dem Ersten Weltkrieg, als es so enorme Bevölkerungsverschiebungen gegeben hat, gab es tausende-zigtausende von Staatenlosen, haben die Norweger eine Zeitlang einen Paß ausgegeben und haben sich mit dem Paß verpflichtet, dem Angehörigen dieses Passes Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen, haben aber Mitte der 20er Jahre schon gemerkt, daß sie sich damit etwas aufgehalt haben, was zwar ihren humanitären Intentionen entsprach, was aber weit über ihre Kräfte ging und z.T. auch sinnlos war, weil die anderen sich nicht an die Abmachung gehalten haben und die Inhaber der Pässe genauso behandelt haben wie andere Staatenlose.

Der Brite hat dann einen sachlichen Rat gewußt. Er hat uns so gemustert und hat gesagt: „Ich nehme an, Sie wollen Ihren Beitrag leisten im Kampf gegen den deutschen Faschismus.“ Wir haben natürlich bejaht. Dann hat er gemeint: „Na dann wenden Sie sich an meinen französischen Kollegen, und der weiß, wie man das machen kann.“ Uns war natürlich klar, was er meinte: Er empfielt uns die Fremdenlegion. Dann sind wir einige Tage herumgegangen. Dann sind wir gesessen in dieser spärlichen Frühlingssonne an der langen Mole von Triest, sind an dieser langen Mole bis zur Spitze rausgegangen, und haben uns überlegt: Mensch, los, es bleibt uns ja nichts anderes übrig. Wir haben ja schon gemerkt: ein Polizist schaut uns an, ein Polizist auf der anderen Straßenseite und haben verstanden, daß das auf die Dauer nicht so weitergeht. Wir sind irgendwie aus diesem Land rauskommen. Eines Tages haben wir uns einen billigen Rotwein gekauft, haben uns ein bißchen angetrunken und beschlossen: so jetzt gehen wir hin zum Konsul, zum französischen. Es kam noch hinzu, er hatte eine Österreicherin als Sekretärin, die Sprachverständigung war auch wunderbar, und der hat sofort, ohne Umschweife hat der gesagt: „Vergessen Sie alles, was Sie über die Legion Etrangère je gehört haben. Das kommt alles aus derselben Küche, aus der sie ja entflohen sind und das ist, überhaupt in der gegenwärtigen Situation, ein Teil der Kräfte, die gegen den Hitlerfaschismus kämpfen.“ Die war natürlich eher eingesetzt, um ihre Kolonialmacht zu erhalten. Ich habe dann nach dem Krieg Leute kennengelern, die als Emigranten in der Legion waren. Wir waren damals aber fest entschlossen und haben auch Handgeld angenommen, und er hat uns einem Beamten vorgeführt, das ist der Monsieur Sowieso und der wird Sie um sounsoviel Uhr am Bahnsteig soundso erwarten. Und er bringt Sie an die französische Grenze und der wird dann alles machen. Die haben einen Weg gewußt, um die Leute hinüberzubringen. Wir waren fürs Erste mal erleichtert. In der Notsituation geht es ja immer ums Nahziel: was machst du die nächsten 24 Stunden, oder wo kriegst du die nächste Mahlzeit her, wenn du schon zwei Tage keine gehabt hast. Wie gesagt: wir haben getrennte Quartiere gehabt, und in Triest gab es damals noch eine kleine, aber sehr verarmte jüdische Gemeinde, und Kurt hat bei einer alten Frau gewohnt, die aber so wenig Platz hatte, es war rührend, die hatte eine kleine Dachkammer gehabt, die war gerade so groß, daß sie ein Bett haben konnte, und neben dem Bett hatte sie eine Matratze aufgelegt für Kurt. Aber ein zweiter oder gar ein dritter dort, das war unmöglich, und ich habe ein Quartier gefunden in einem christlichen Hospiz. Ich habe keine Ahnung gehabt, daß die einen direkten Kontakt haben zum deutschen Konsulat. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, um das zu objektivieren, ob er dem Konsul das von sich aus antrug oder ihm das aufgezwungen war, was sollte er machen. Aber es muß so gewesen sein, daß der tagtäglich dem Konsulat Zugänge und Abgänge melden mußte. Ich weiß noch, ich habe jetzt etwas Geld gehabt. Also wir hatten beide etwas Geld und sind essen gegangen und haben uns ausgemacht: also gut, wir treffen uns eine halbe Stunde vorher am Bahnhof. Ich gehe in mein Quartier und zahle dann, was da noch offen war, und der Herbergsvater war sehr betrübt und sagte noch: „Gott segne dich!“ und hat mir noch einen Tee machen lassen und ist noch mit mir beisammen gesessen. Offensichtlich hat er schon gewußt: na, der Arme läuft jetzt ins Messer, ich habe ja schon die Meldung gemacht, die wissen jetzt, daß er da ist. Sofort als ich gezahlt habe ist er ans Telephon und hat dem Konsulat gesagt: So, jetzt geht er. Er hat natürlich nicht gewußt, wohin ich gehe. Ich habe nur gesagt, daß ich weiterreise, was ich noch schuldig bin, was noch offen wäre. Ich komme aus dem Haus heraus und das war ungefähr, ich weiß nicht mehr die Straße, aber das war ungefähr in dem Viertel, wo die Freimaurerloge war. Dort war auch dieses christliche Hospiz. Ich gehe da raus, und zwei offensichtliche Nichtitaliener gehen auf mich zu und sprechen mich an und sagen: „Kommen Sie mit!“ Und ich habe jetzt geglaubt, ich kann mit den paar Brocken Italienisch, die ich da in den wenigen Tagen gelernt hatte, behaupten, ich wäre Italiener. Daraufhin hat der eine herzhaft gelacht und hat nach der drüberen Straßenseite gezeigt und gesagt: „Mach mal keine Faxen! Es ist dir überlassen, du kannst mit den Herren dort drüben mitgehen, doch da landest du auch wieder bei uns.“ Also die waren schon bestellt, die italienischen Behörden, haben zusammengearbeitet, waren ja auch Waffenbrüder oder zumindest Verbündete. Also mußte ich mich ins Unvermeidliche fügen. Ich bin auch am gleichen Tag ins deutsche Konsulat gebracht worden, habe dort auch übernachtet. Am nächsten Tag bin ich mit zwei italienischen Beamten an die Grenze gefahren, die haben mich der SS übergeben. Ich war schon orientiert, als ich die gesehen habe, die SS und dann diese Raute – das war die SD, die Organisation des Heydrich, so weit habe ich das schon gewußt. Ich habe zwar nicht alles von der inneren Struktur des Naziregimes gewußt, aber soviel schon: das so ungefähr das Schlimmste. Das ist so, wie wenn man dich gleich direkt dem Henker übergibt. Wer dieses scheinbar so harmlose, kleine Ding da am Ärmel hat, wo schlicht und einfach SD draufsteht, mit einer Raute drunter, das ist weitaus weniger schreckerregend als der Totenkopf. Aber den Totenkopf, den war man schon gewohnt, den hat man ununterbrochen gesehen. Aber diese kleine da, das ist dem Normalbürger gar nicht aufgefallen, daß das innerhalb dieser Organisation noch etwas viel, viel Schrecklicheres ist. Das war die Polizei innerhalb der SS. Heydrich muß ja wirklich das Schlimmste gewesen sein. Und dann bin auf Schubhaft, eine unwahrscheinliche Reise, ich könnte sie gar nicht mehr im Detail rekonstruieren, ich wußte es noch in den 50er Jahren, da konnte ich noch beschreiben, wie diese Schubhaft im Detail abgelaufen ist. Die ging bis vor an den Bodensee, über ganz Süddeutschland, und zwar haben sie die Leute zusammengeholt. Die haben Transporte zusammengeholt. Wir kamen immer wieder auf Abstellgeleise, manchmal einen ganzen Tag, dann kamen von irgendwoher drei Waggons, wir wurden angekoppelt. Das waren Güterwaggons, in die Zellen eingebaut waren. Da waren verschiedenste Häftlinge. Ich kann nicht sagen, daß das alles nur Politische waren, da waren Kriminelle auch darunten, aber doch überwiegend Politische und überwiegend rassisch Verfolgte. Im allgemeinen waren es Einfachzellen, aber manchmal war man da auch zu zweit in einer Zelle. Die Zellen waren ziemlich klein, die waren nicht größer als eine Klokabine, ein mal ein Meter. Schlafen konnte man dort nicht, nur sitzen, ein Teil zum Runterklappen, da konnte man in einer Ecke sitzen. Eine ziemlich lange Strecke, irgendwo in Vorarlberg ist ein Zigeuner, ein junger, zu mir reingekommen. Er war ganz verschreckt und hat mich auch so ganz entsetzt angeschaut, als ob ich ein Nazispitzel wäre. Der kam zu mir in die Zelle, weil sie keinen Platz mehr hatten.

Ich habe da noch folgendes Erlebnis gehabt, eine Wissensbereicherung: ich war offensichtlich der Jüngste. In den Bahnhöfen sind wir immer außerhalb der Städte in so abgelegene Frachtenbahnhöfe und Abstellgeleise geleitet worden, damit die Bevölkerung nichts sieht. Dort sind wir herumgestanden, und jetzt war so alles mögliche zu tun. Da mußte Wasser geholt werden, und da haben sie immer die weniger gefährlich Scheinenden dazu eingeteilt. Also bin ich, als junger Bursch, mehrmals dazu verwendet worden. Ich habe einmal eine Kanne Wasser geholt für die Wachmannschaften, die hatte eine etwas größere Kabine. Da haben sie mich da reinsitzen lassen. Der eine war so ein bißchen jovial, der hat gesagt: „Magst einen Kaffee haben?“ „Ja!“ Er hat mir eine Zigarette gegeben. Der eine ist aufgestanden, der andere hat zum Fenster rausgeschaut, und da seh ich, da liegt ein Kursbuch, das war ungefähr in einer Fingerstärke, ein Kursbuch für Schubtransporte. Da konnte ich also ahnen, was die zu der Zeit und das ja dann später noch, mit den ganzen immensen Transporten der europäischen Juden nach dem Osten in die Vernichtungslager muß das ja noch ganz andere Dimensionen angenommen haben. Zum Teil hat man ja Dokumentarisches aus dem Schriftwechsel mit der Reichsbahn, mit den verschiedenen Reichsbahndirektionen, es gibt ja auch die Abrechnungen, das ist ja besonders makaber bei den Deutschen, pro Person, pro Transport, 1 RM 60 Pf. für jeden Menschen von da nach dort. So ganz korrekt, wie dann die Deutschen die in Kilo und Gramm gewogenen Goldzähne fein säuberlich notiert haben und sich damit ja unwahrscheintliche Belastungsmaterialien geschaffen haben. Dieser junge Zigeuner, der hat in Vorarlberg gearbeitet in einer Textilfabrik und hat zusammengelebt mit einer Vorarlbergerin und ist von irgend einem Nazi denunziert worden, wegen der Rassenschande. Der konnte das gar nicht begreifen, der war konsterniert. Er hat erzählt, daß sein Vater schon in Vorarlberg gearbeitet hat. Er hatte eine kleine Mundharmonika. Damit hat er immer furchtbar traurige Weisen gespielt. Irgendwo in Augsburg oder so ist er rausgeholt worden. Wir haben uns noch umarmt. Was die Roma und Sinti betrifft, gab es ja auch gaumäßig Streitigkeiten. Ein großer Scharfmacher war der Gauleiter von Niederdonau, Burgenland, wo die meisten Zigeuner wohnten, gab es ja nicht mehr.

3.) Wieder in Wien

Ich bin über diesen langen Schubumweg schließlich in Wien gelandet. Ich habe ja keine Ahnung gehabt. Schwaben-Bayern und dann über Salzburg wieder in Österreich, und dann habe ich schon gesehen, natürlich, man hat rausgeschaut bei den Schlitzen. Überhaupt als Österreicher konnte ich es ja wissen, andere waren Fremde, die waren auch dabei. Plötzlich habe ich erkannt: Aha, wir sind wieder in Österreich, aha Salzburg, aha, es geht ostwärts, also auf Wien zu. Und dann war es klar. Wir sind in Wien ausgeladen worden, weit draußen, außerhalb des Westbahnhofes, in diese grünen Häftlingswägen verfrachtet worden. Da konnte man auch beim Schlitz rausschauen, und dann sehe ich: es geht Richtung 9. Bezirk zur Roßauerlände. Die oberen Geschoße eines Traktes waren freigemacht als zusätzliche Zellenräume für die Gestapo. Ein Stück weiter stadteinwärts, am Morzinplatz, war das Hauptquartier der Gestapo in einem aufgelassenen Hotel, dort wo jetzt das Denkmal steht. Da stand damals eine ganze Häuserzeile. Der Kai hatte nicht diese Breite, die er heute hat. Am Anfang hat es, ich glaube schon am zweiten oder dritten Tag, bin ich abgeholt worden und mit einer Reihe von Häftlingen rübergeführt zum Morzinplatz. Und da war ein eigenes Referat für Jugendliche. Das war ein imminent, ein urgemütlicher Wiener Zyniker, der Gestapobeamte. Er hat ein breites Ottagringerisch gesprochen. Und der hat gesagt: „Also, Burscherl, wie ist es. Wir können ja reden. Bist eh g’scheit, gell. Net moch an Bledsinn!“ Der mich vorgeführt hat, der SS-Mann, der blieb dann hinter mir stehen. Und wenn ich dann nicht schnell genug war mit der Antwort oder ihm die Antwort nicht gefiel, dann hat er auf seinen Schreibtisch geklopft und da hat mir der andere, rechts oder links, eine Watsche gegeben. Ich habe geglaubt, mir reißt es den Kopf ab, der war ein Riesenlackel. Dann hat der immer so belustigt gesagt: „Wie g‘follt dir sowas?“ Er war echt Wienerisch. Weißt du, ich habe mich so zuhause gefühlt. Dann war er wieder nett. „Geh, her auf!“ hat er zum anderen SS-Mann gesagt. „Du mochst eam jo hin, den klaan Buam.“ … „Rauchst schon?“ Dann hat er mir so ein Zigarettenpacket über den Tisch rübergeschoben.

Ja, jetzt muß ich noch was Sachliches sagen, was sehr wesentlich war. Wir sind in einer Riesenzelle gelegen. Das muß ein ehemaliger Büroraum gewesen sein, der jetzt nachträglich vergittert war. Die Zelle war wahnsinnig überfüllt. Wir konnten abends da nicht alle liegen. Jetzt mußten immer einige sitzen, und es mußte ein Modus erfunden werden wie man wechseln kann, um sich zwei, drei Stunden ausstrecken zu können. Den ganzen Tag war was los. Die einen sind geholt worden und sind nicht wiedergekommen. Den einen ist gesagt worden, er solle alles Zeug mitnehmen. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Es war unruhig. Ich habe mich schon in den ersten Stunden einen für mich damals schon älteren Mann kennengelern. Er wird Mitte Vierzig gewesen sein. Der hat mit mir ein Gespräch begonnen, und das war schon ein Erfahrener, der hat schon unter Dollfuß-Schuschnigg gesessen. Und der hat mir sehr gute Verhaltensmaßregeln gegeben. Er hat gesagt: „Nicht plaudern! Nicht den Versuch machen, Geschichten zu erzählen, die dir den Kopf aus der Schlinge halten, vermeintlich, sondern eher eine Ohrfeige riskieren und genau hinhören, was sie denn überhaupt wollen von dir, wie sie dich einteilen wollen. Es kann sein, daß sie dich in einer viel besseren Rolle sehen als deine augenblickliche Lage schlecht ist, einfach aus Unwissen.“ Ich habe z.B. nie erwähnt, ich bin ja bei der Verhaftung allein gewesen. Dieses christliche Hospiz hat mich ja nie zusammen gesehen. Kurt hat mich dort nie besucht. Wir haben uns immer auf der Straße getroffen und die wußten nichts davon. Das war schon wesentlich, so etwas nicht zu erzählen, wenn ich das Ganze allein gemacht habe. Dann bin ich zurückgekommen. Ich habe drei solche Verhöre am Morzinplatz erlebt. Wenn ich zurückgekommen bin, habe ich mich immer in eine Ecke verzogen und dieser „älter“ Mann hat mich dann ausgefragt. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was die von mir wollen, es war auch so wirr, es war teils… das gehört natürlich zu den Verhörmethoden.

Kurz vor unserer Flucht hat es in Wien eine Demonstration am Stephansplatz gegeben (recto: Oktober 1938. Anm.: V.V.). Da haben katholische Jugendliche geschrien: „Wir wollen unseren Bischof sehen!“ Es kam dann zu einem Sturm auf das erzbischöfliche Palais. Ein junger Kaplan hat den Innizer noch rasch in die Bodentür reingestoßen und abgesperrt und einen Kaplan hat man beim Fenster rausgeworfen. Der hat dann schwere Verletzungen gehabt. Dann kam die SA und hat die HJ, die das gemacht hat, vertrieben. Es ging ihnen etwas zu weit. Die HJ hatte da eine 150%-ige Privataktion gemacht. Denen ging alles zu wenig radikal. Da unsere, bzw. meine, aus ihrer Sich, meine Flucht danach lag, wollten sie da einen Zusammenhang herstellten. Sie nannten dann Namen. Ich habe dann später, erst Jahre danach, als ich Namen gehört habe und als ich dann aus historischen Dokumentationen das Ganze erfahren habe, wußte ich: genau das war es, genau das wollten sie wissen. Das war jedenfalls eine Weile ihre Spur. Sie müssen natürlich vor dem Verhör schon recherchiert haben. Sie haben einmal eine Anspielung gemacht auf meine katholisch praktizierende Mutter. Man war zweimal in der Wohnung meiner Eltern gewesen, hat Hausdurchsuchung gemacht, hat versucht irgendwas Dokumentarisches aufzutreiben. Nun habe ich natürlich schon so lange nicht mehr bei meinen Eltern gewohnt, daß dokumentarisch gar nichts mehr da war.

Und dann kam nach dem dritten Verhör eine absolute Funkstille. Es ging jetzt in den Sommer hinein. Es war heiß in der Zelle und es tat sich überhaupt nichts. Ich habe oft da mit dem Walter – das war ein Lehrer – darüber gesprochen und gefragt: „Was ist jetzt?“ „Ich kann’s mir auch nicht erklären“, hat der gesagt. [Später erst konnte ich das rekonstruieren. Ich war gemustert für die Marine und hatte einen Wehrpaß, wo schon dringestempelt war: „Marine. Ersatzreserve 2″. Ich unterstand nach der damaligen Militärjustiz der Wehrmachtsgerichtsbarkeit. Die Gestapo war für mich eigentlich gar nicht mehr zuständig. Die Wehrmacht hat sehr oft, obwohl für sie das auch gegolten hat, hat da sehr oft nachgegeben, hat sich in die Hose gemacht. Die Marine war der konservativste Teil im ganzen Militärapparat des Deutschen Reiches. Ich haben z.B. Offiziere erlebt, die ihre Kaisertreue sehr herausgestrichen haben und so getan hatten, als ob die ganze Hitlerei nur eine Episode wäre.] Und eines Tages, d.h., genau gesagt, Mitte Oktober 1940, werde ich wieder zu einem Verhör geholt, diesmal nicht am Morzinplatz, sondern im Haus selbst, im 1. oder 2. Stock. Da sitzt dann auch ein Beamter. Zu meiner Überraschung stehen in der Ecke des Raumes ein Feldwebel und ein Gefreiter, also ein Mannschaftsdienstgrad, von der Feldgendarmerie. Sie waren sehr erkenntlich. Sie trugen über der Uniform so eine Blechmarke an einer Kette. Im Soldatenjargon hatten sie deshalb den Spitznamen „Kettenhunde“. Und der reicht mit die Papiere rüber, alle meine Papiere. Der Kettenhund hat das gleich an sich genommen und der Beamte hat gesagt: „Die werden dir jetzt die Wadln virerichten!“ Das war ein Wiener Beamter. Ich weiß nicht, war’s ein Polizeibeamter oder ein Gestapobeamter. Das war dort nicht mehr erkenntbar, auf der Roßauerlände. Die haben mich also die Treppe runtergebracht. Und auch jetzt noch, wenn ich die Roßauerlände runterfahre, sehe ich immer diesen Nebenausgang, wo ich damals rausgeführt wurde. An dem Tag habe ich noch meine Brotration ausgefaßt. Die hatte ich unter dem Arm. Die Kettenhunde hatte unten ihren Kübelwagen stehen, auch so einen für den die Volkswagensparer angezahlt hatten. Da saß schon einer drin, ein Fahrer, am Steuer. Der eine hat sich nach vorne hingesetzt und der Gefreite hinten zu mir. Das war ein Erlebnis. Nach Monaten im Gefängnis. Von Mai bis Oktober habe ich kaum das Tageslicht gesehen, und jetzt saß ich in einem offenen Wagen. XXX Früher bin ich immer in dem grünen, geschlossenen Wagen gefahren, durch Wien, verstehst du, durch die Stadt, in der du Kindheit und Jugend verbracht hast, zwar mit den Nazifahnen und so, aber immerhin. Trotzdem, ich konnte natürlich auch erkennen, wohin es geht. Durch die Stadt, hinaus zum Ring, zum Gürtel, raus in den zehnten Bezirk. Sag ich zu dem Gefreiten nebenan, habe ich mich getraut und gefragt: „Sagen Sie, wohin fahren wir?“ Ich war eigentlich angenehm überrascht, als er mir Wienerisch geantwortet hat: „Nach Favoriten, ins Wehrmachtsgefängnis.“ Das Bezirksgericht Favoriten in der Hartmutgasse war die Haftanstalt der Wehrmacht während der Nazizeit und manchmal, es ist so makaber, wenn ich die Favoritenstraße runterfahre, fahre ich die Hartmutgasse hinein und die nächste Gasse wieder raus. Das Gebäude gibt es noch. Es ist heute das, was er auch vorher war, Bezirksgericht Favoriten, mit einem Zellentrakt. Wahrscheinlich sitzen dort heute sehr viele Schubhäftlinge, wird wahrscheinlich voll sein bis übers Dach, also nach wie vor kein schöner Ort. Damals war das natürlich alles ganz entzivilisiert, also ganz auf Wehrmacht. Ich werde in eine Zelle reingeführt, sitzt ein Soldat drinnen in Uniform, und du merkst, der muß mal was gewesen sein. Der hat alle möglichen hellen Stellen, wo man irgendwas abmontiert hat. Er ist sehr redefreudig und erzählt mir, daß er eigentlich Feldwebel ist, aber er ist degradiert worden: also es war eine 08/15 Militärgeschichte. Er war besoffen und hat im besoffenen Zustand einem anderen mit dem Bajonett den Oberarm durchstochen. Das war noch dazu ein Untergebener, er war ein Vorgesetzter. Der hat nur gewartet auf seinen Abtransport, der war gerade am Tag davor verurteilt worden. Am nächsten Tag schon kommt eine Wehrmachtsbeamter. Neben den Offizieren gab es Beamte, die waren teilweise Verwaltung, Justiz, etc. Der stellt sich also vor, böhmakelt leicht, etwas, was heute in Wien schon sehr selten ist. Und der war mir nicht unsympathisch, läßt so in den ersten Gesprächen einstreuen, daß er einen Sohn verloren hat mit neunzehn Jahren im Polenfeldzug. Fragt mich: „Wie alt sind Sie?“ „Zwanzig Jahre und ein Monat.“ „Oh! Und ich hab verloren einen Sohn mit neunzehn im Polenfeldzug.“ Da habe ich mir gedacht: ein gutes Omen, der kann dieses Regime nicht lieben. Er hat sich vorgestellt als mein Kurator, das ist ein Pflichtverteidiger. Die Kuratoren waren nicht vereidigt, wenn sie vereidigt wären, dann hätten sie keine Verteidigung vornehmen können beim Militärgericht. Er liest mir vor, was er da alles hat an Unterlagen. Sag ich: „Was wirft man mir vor? Überhaupt: wie soll ich zu Ihnen sagen?“ „Das ist doch Nebensache“, hat er gesagt. „Wenn das schon wichtig ist für Sie, Adjutor.“ „Was ist der Anklagepunkt?“ habe ich ihn noch einmal gefragt. „Ja, hat man Ihnen das nicht gesagt?“ Sag ich: „Nein, bei der Gestapo hat mir gar nichts gesagt. Die Gestapo hat mich die wirrsten Sachen gefragt. Die wollten wissen, ob mein Großvater schon gewerkschaftlich organisiert war.“ Ich habe bei der Gestapo auch einmal zu fragen gewagt, was man mir vorwirft. Und da hat der Gestapobeamte gesagt: „Willst du das wirklich wissen, Burscherl?“ Dann hat er auf den Tisch geklopft und da hat mir der hinter mir Stehende wieder eine runtergehaut. Da habe ich mir gedacht, na, dann frage ich nicht mehr, der haut mir das nächste Mal eine rein, daß das Trommelfell platzt. Der hat dann daraufhin gegrinst wie ein Affe. Ansonsten war er sehr nett, hat mich dann gleich wieder gefragt, ob ich eine rauchen will. Er war ein wirklich echter Wiener. Ich habe dann später noch einmal einen echten Wiener erlebt, einen Wirt aus Ottakring, der war in Neapel dann der Aufseher im Militärgefängnis, und der hat die Leute grundsätzlich nur in der Neapolitanischen Sommerhitze schikaniert, weil er gefunden hat, das ist viel lustiger, als wenn die Sonne sich schon gesenkt hat, da brechen sie viel rascher zusammen. Und der ist gestanden unter einen Vordach, wo es schattig war und hat gelacht. Er war ein ganz gemütlicher Wiener. Die Wiener haben so eine eigene Art von Spaßmachen. Sie sind einfallsreicher, sie haben auch einen gepflegteren Zynismus. Die Brutalität ist hintergründiger, hinterfotziger.

„Entziehung von der Wehrdienstplicht“, hat mir mein Kurator erklärt, das werfe man mir vor. Das hat mir immerhin schon zivilisierter geklungen als die ideologisch motivierten Phrasen der Gestapo. Er war das schon gewohnt, die Sache mit der Wehrdienstpflicht. „Wie schaut das aus?“ sag ich. „Was steht drauf?“ Hat er gesagt: „Ich nehme an, zweieinhalb Jahre Zuchthaus. Ich trau mir aber zu es hinzukriegen – ich habe zehn Minuten Zeit für Sie ein Plädoyer zu halten – daß die Strafe bedingt auf Bewährung ausgesprochen wird.“ Das war immerhin ein Hoffnungsschimmer. „Und was ist dann?“ habe ich gefragt. „Na, dann werden Sie unmittelbar der zuständigen Schiffsstammabteilung überstellt. Sie haben Glück, die Marine hat keine besonderen Bewährungseinheiten.“ Die Wehrmacht hat das sogenannte Batallion 500 gehabt, das war mörderisch. Das war ein Strafbatallion. Die Marine kannte das nicht. XXX Bei der Marine warst du normal. Du hast die normale Ausbildung gehabt. Das einzige, du hattest in den Papieren stehen, daß du auf Bewährung warst. Das hat sich dann so abgespielt, daß… „Wird das jetzt lange dauern?“ habe ich gefragt. „Nein, sehr schnell! Wir haben ungefähr in vierzehn Tagen eine Verhandlung.“ „Und wo ist das?“ „Hier in Wien, in der Universitätsstraße.“ Und das war dort, wo jetzt das Neue Institutsgebäude der Universität Wien steht. Dort stand noch aus Zeiten der Monarchie die Stadtkommandantur der Wiener Garnison. Da war im ersten Stock ein großer Saal, in dem war die Verhandlung. Und es ging tatsächlich Zack-Zack. Ein Gefreiter hat mich instruiert, hat er gesagt, ob ich gedient habe. Habe ich gesagt: „Nein, ich bin ungedient.“ Hat er mir gezeigt, wie man stehen muß, Hände an die Hosennaht. Und dann marschierst da ran, bis da vorn an die Barriere, legst du die Hacken zusammen, bleibst so stehen und das heißt nicht „Ja“, sondern das heißt „Jawohl!“. Und zu sagen hast du nur etwas, wenn du gefragt wirst. Also er hat mich schon in die kommenden fünf Jahre eingeführt. Und so hat es sich dann auch abgespielt. Da kam der ganze Senat rein, so und so viele Offiziere, dann Beisitzer, insgesamt vielleicht sechs, sieben Personen. Der hat das da verlesen: Bla, bla, bla, bla, bla. „Haben Sie etwas dazu zu sagen?“ Es hat aber alles gestimmt, es war nichts Falsches dabei. Die Herren haben alle ihre Mützen da liegen gehabt, dann haben sie die Mützen aufgesetzt, sind aufgestanden. „Im Namen des Führers… Das Gericht des Wehrkreiskommandos 17 verurteilt den Wehrmann Roman Haller wegen des Versuchs der Entziehung von der Wehrdienstpflicht zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus. Die Strafe wird auf Bewährung ausgesetzt. Bei Nichtbewährung ist die Strafe nach dem Endsieg zu verbüßen.“

Und da habe ich noch eine schöne Anekdote parat. Im Jahre 1966 bin ich Hamburgischer Beamter geworden. Ich war ungefähr sechs Wochen in meinem neuen Dienst und die Rektoratssekretärin ruft mich an in meinem Atelier. Ganz verlegen sagt sie: „Da sind zwei Beamte des Bundesverfassungsschutzes hier und die möchten Sie sprechen.“ Sie wußte nicht, wie sie sich verhalten solle. Es liege jetzt an mir, weil der Rektor verreist war, der war in London, und ich solle ihr sagen, ob sie die Herren aus dem Haus weisen soll, es ist ja autonomer Hochschulboden. BVS ist ja eine Polizeieinheit. „Nein“, sage ich, „schicken Sie sie mir rauf. Die kommen ja zu mir in die Wohnung, da habe ich sie noch weniger gern.“ Und außerdem war ich ja daran interessiert zu erfahren, was die von mir wollten. Außerdem habe ich mich ganz sicher gefühlt mit meinem Paß als Nichtdeutscher. Ich wollte mir anhören, was die wollen. Und es war zu kurios. Die haben ganz freundschaftlich getan, so als ob sie mir einen Besuch machen würden, es sei nur reine Formsache. Ich habe gesagt: „Meine Herren, Sie wünschen? Nehmen Sie Platz. Was führt Sie zu mir?“ „Ah, es ist nur eine reine Formsache!“ Und der eine packt aus, Aktenfaszitel. Und ich sehe da also, treu deutsch, in der Frakturschrift meinen Namen und eine acht oder neunstellige Nummer. Und der blättert da, und ich sehe da, die haben da Abschriften oder Kopien. Weißt du, die Photokopien aus den 40er Jahren, die sind alle braun geworden. Lichtpausen hat man das damals genannt, ist fast unleserlich geworden, ich glaube, man hat dann später Verfahren entwickelt wie man das wieder regenerieren konnte. Jedenfalls sowas hatten die. Und dann sagt er ganz lakonisch (ich habe mich ganz passiv verhalten): „Sie sind am 30. Oktober 1940 vom Gericht des Wehrkreiskommandos 17 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden.“ Schau ich da rüber, sehe er hat so ein Schriftstück mit dem Naziadler. Steht dort tatsächlich Wehrkreiskommando 17. Und ich denke mir: die Deutschen sind doch tatsächlich ein merkwürdiges Volk, da geht ja kein Papier verloren. „Ja und“, sage ich, „gilt das bei Ihrer Behörde jetzt als Makel oder als Auszeichnung?“ Sagt er: „Ach, das steht nicht zur Debatte.“ Sag ich: „Darf ich Sie bitten mir den Wortlaut der Verurteilung vorzulesen?“ Sagt der: „Den müßten Sie doch kennen!“ „Ja“, sag ich, „aber man hat ihn mir in einer Situation, wo ich maximal aufgeregt war, vorgelesen, aber nie schriftlich ausgefertigt.“ Und jetzt beginnt er, liest er und dann kommt er zu den Satz: „Die Strafe ist bei Nichtbewährung nach dem Endsieg zu verbüßen.“ Das wollte ich natürlich zu gern hören, wie ein bundesdeutscher, demokratischer Beamter das ausspricht im Jahre 1966, wie das klingt. Das war jetzt die Laune des Künstlers in mir. Wie hört sich das an? Hat er da Schwierigkeiten dabei, beißt er sich in die Zunge? Aber er hat das sehr gelassen vorgelesen und hat dan mittendrinn abgebrochen. Hat er gesagt: „Ich glaube, das genügt, nicht? Aber Herr Haller, Sie sind doch überzeugt, nicht, daß wir nur unserer Verpflichtung nachkommen sind!“ „Mein Gott“, sage ich, „Millionen sind ihren Verpflichtungen nachgekommen.“ Das hat er geflissentlich überhört. Da habe ich einen anderen Österreicher kennengelernt. Der hatte eine Stellung im oberen Management gehabt. Der ist auch überprüft worden. Das ist doch, dieser Bundesverfassungsschutz, hat festgestellt, daß ich ein überzeugter Demokrat bin, weil wir nichts besseres haben als die Demokratie. Sie haben einfach alle Personen überprüft, die irgendwie, irgendwann gegen den Stachel geleckt haben. Das ist es. Die gehen das routinemäßig durch. Die kriegen wahrscheinlich die Daten eingespeichert und heben jetzt aus: Haben wir was oder haben wir nichts? Ich habe da ein anderes Beispiel parat: Bei der Marine gab es für jeden Soldaten so eine Art fast wie ein Photoalbum: zwei Deckeln und da waren drin zwei Fälzchen, und jedes Vierteljahr ist ein sogenanntes Führungsblatt eingeklebt worden, und da stand immer alles drauf: Beurteilung, charakterliche, fachliche Beurteilung, mitgemachte Feldzüge, Auszeichnungen oder Strafen. Ich habe in meiner Grundausbildung mich angefreundet mit einem Burschen – ich war natürlich sehr zurückhaltend, als ich schlußendlich zum Militär kam. Ich kam nach Wesermünde zur 10. Schiffsstammabteilung, so wie es friedensmäßig schon 1939 vorgesehen war. Das haben die jetzt regulär vollzogen. Ich bin am nächsten Tag schon nach dieser Verurteilung von der Feldgendarmerie raufgeführt worden und dort übergeben worden. Es mußte sehr schnell gehen, die waren schon vierzehn Tage am Ausbilden, rannten also schon vierzehn Tage am Kasernenhof herum und machten allen möglichen Unfug, mit Hinlegen und Auf und Ab und ähnlichen Blödsinn. Die mußten also schauen, daß sie mich schnell, denn vier Monate waren vorgesehen für diese Ausbildung, damit ich als Nachzügler da schnell alles mitkrieg. Kommt eine Ordonanz vom Kommandeur und sagt dem Maat, der uns da ausbildet, sie möchten den Matrosen Haller. Der Matrose Haller hat in einer halben Stunde beim Kommandeur zu sein. Der hat mir noch schnell gesagt, was ich da tun muß, wie ich mich anziehen muß. Und der Kommandeur hatte vom Militärgericht diese Verurteilung in Händen. Das ist ihm alles nachgeschickt worden, wie das halt so schleppend ist in der Bürokratie und durchgelesen und sagte mir da trocken: „Tolles Ding, das Sie da gedreht haben, nicht.“ Mustert er mich so, von oben bis unten: „Ich will Ihnen nur eines sagen. Was Sie mit den Braunen gehabt haben, geht uns hier überhaupt nichts an. Verstanden!? Kehrt! Ab!“ Das war preußisch.

Was prototypisch Preußisches, was verdient, festgehalten zu werden, habe ich dann erlebt in der nächsten Ausbildung. Die nächste Ausbildungsphase, die war dann am Schiff, auf dem Schlachtschiff „Schleswig-Holstein“. Das war noch ein altes Schlachtschiff aus der kaiserlichen Marine. Das waren die einzigen zwei Schiffe, die sie den Deutschen gelassen hatten nach Versailles. Also kannst du dir vorstellen, was das für ein alter Scheißer war, 1996 [1896?, AK.DP] erbaut, eine alte Kiste. Aber zum Schickanieren und zum Rumjagen war es ganz gut geeignet. Und da passierte folgendes: In unserer Gruppe hatten wir einen Burschen aus Schwaben, der sehr lieb, aber äußerst linkisch und ungeschickt war. Bei jedem Handgriff, den er machte, war etwas falsch. Alles fiel ihm runter. Und eines Tages hat der Bootsmann zu ihm gesagt: „Sie Arschloch“, hat ihn also angebrüllt mit dem ganzen Vokabular, das zur Verfügung stand. Dann hat er es aber auf das Maximum gesteigert und gesagt, er sei ein solcher Scheißkerl, daß es besser gewesen wäre, sein Vater hätte ihn an die Wand gespritzt. Das hat den Burschen dann maximal geknickt. Nichts anderes hat ihn so fertiggemacht. Der ging in die Kajüte und hat geheult. Das lasse er sich nicht gefallen, er würde sich zum Rapport melden! Er werde sich beim Kommandeur beschweren! Alle haben ihn beschwichtigt, gemeint: „Schau, du mußt doch merken, wo du bist! Du bist doch nicht in einem Mädchenpensionat.“ Aber der hat sich nicht beruhigen lassen, gemeint, das sei zu viel, er lasse sich gern beschimpfen, aber er lasse es nicht zu, wenn sein Vater beleidigt wird. Tatsächlich, am nächsten Tag in der Früh kommt der Maat und haut uns aus den Hängematten raus und fragt diese routinemäßige Frage nach Krankmeldungen und Vorstellungen beim Kommandeur, also Beschwerden, was eh nie einer getan. Und plötzlich richtet sich dieser auf und sagt ganz vorschriftsmäßig, er möchte vorstellig werden beim Kommandeur. Der andere notiert das. Tatsächlich, am Nachmittag kommt er vorbei und sagt irgendeine Uhrzeit. Nun waren wir natürlich alle gespannt. Der kam zurück, war ganz Happiness. Ja, der Kommandeur habe ihm gesagt, er sei im Recht. Am nächsten Sonntag in der Früh dann der Morgenappell, sagt der Kommandeur: „Stillgestanden! Bootsmann Sowieso vortreten! … Ich bestrafe den Bootsmann (von Falkenheim hat er geheißen, der Kommandeur) Sowieso mit einem strengen Verweis. Er hat am Soundsovielten vor versammelter Mannschaft den Geschlechtsverkehr der Eltern des Matrosen Sowieso auf gröblichste Weise verunglimpflicht. Rührt euch!“ Auf diese Formulierungen käme sonst niemand, nur die Preußen. Ironisch, aber gleichzeitig auch korrekt. Der Tatbestand ist ja da. Das war nun mal eine Verunglimpfung des Vaters dieses Matrosen, denn „ein deutscher Mann macht sowas nicht“. Der spritzt dorhin, wo es hingehört. Nicht an die Wand, so eine säuische Zumutung. Deshalb ist ja auch im deutschen Militärjorgon „Wixer“ eine ganz schimpfliche Bemerkung. Das ist die Spitze der Beleidigungen.
Es ist mir bei der Marine nichts Negatives aus meiner Vergangenheit erwachsen, nichts Schickanöses, im Gegenteil. Ich habe sogar im letzten Kriegsjahr eine Bevorzugung dadurch erfahren, daß der Kommandeur nach einem Schreiber gesucht hat und beim Durchsehen der Führungsbücher auf mich gekommen ist und mich gefragt hat: „Können Sie Maschineschreiben?“ „Einigermaßen“, habe ich gesagt. Ich konnte natürlich überhaupt nicht. Dann hat er mir gesagt: „Setzen Sie sich an die Maschine jede freie Stunde und üben Sie!“ Er wollte mich haben. Er war Protestant, wie die meisten Preußen. Aber er hat demonstrativ am Sonntag in der Paradeuniform mit Fliege und Stehkragen, wie es die Marineoffiziere trugen, in die katholische Kirche gegangen. Aber so ostentativ, daß die SS-Leute, die da in dem Dorf wohnten, das sehen mußten. Wir hatten da in dieser Kaserne gewisse ökologische Verbindungen mit dieser SS-Einheit. Die kriegte z.B. einen Teil der Lebensmittel aus demselben Bereich. Und da gab es einen Schriftwechsel mal hier und da. Das mußte gemacht, bzw. ausgehandelt werden. Und dann mußte ich rübergehen mit einer Mappe mit Unterschriften, und das war eine ganz merkwürdige Einheit, diese SS-Division hieß „Junges Europa“. Das muß man mal den überzeugten Europäern sagen. Das waren tatsächlich Freiwillige aus ganz Europa, da waren die übelsten Typen dabei. Aber die waren zu dem Zeitpunkt – das war 1944 – natürlich schon arg in der Scheiße. Die haben also alles mögliche gehabt. Für die Ukrainer gab es sogar einen Popen, der am Sonntag Gottesdienst zelebriert hat. Das zeigt, wie vielseitig die waren. Die SS war der kreativste Teil der ganzen Bewegung. Sie waren ja überzeugt, daß sie nach dem Sieg diese „Zivilnazis“ verdrängen und als Orden die Macht übernehmen würden. Nachgetrauert haben sie alle dem Heydrich, das war der große Gott. Und das braucht eine richtige Bewegung. Als ich dann mit einer Mappe zurückgekommen bin, hat man mich gefragt: „Was tut sich drüben?“ Da habe ich gesagt: „Der Herr Standartenführer (der war 26 Jahre alt, der hatte eine Division, das muß man sich vorstellen!) läßt Sie grüßen und meint, Sie könnten ihm einmal einen Besuch abstatten.“ Hat der Kommandant gemeint: „So alt kann das Bürschchen gar nicht werden, daß er das erlebt.“ Der Standartenführer hat mich mal gefragt: „Ist Ihr Kommandeur fromm oder ist er schwul?“
Der letzte Kriegswinter war ein Inferno. Jeden zweiten, dritte Nacht wurde gebombt.

Nach dem Krieg hat sich herausgestellt, daß die einen „immer schon dagegen waren“. Die anderen, die wirklichen Nazis, waren vorläufig still.

ad Ende: Ab Sommer 1945 besucht Roman Haller die Graphische Lehranstalt in Wien. Seine künstlerischen Neigungen verbindet er ab 1947 mit dem Beruf des Verlagsherstellers. Ein Freund von ihm, Fritz Hansen, bekommt die Möglichkeit kommissarischer Leiter des Fried-Verlages zu werden. Der Fried-Verlag war ein arisierter Verlag. Die ursprünglichen Besitzer sind zu diesem Augenblick offensichtlich nicht greifbar. Doch diese Möglichkeit zerschlägt sich wieder. Als Kompensation verschafft Hansen seinem Freund Roman Haller stattdessen eine Arbeit bei einem steirischen Verlag. Ein Buchhändler aus Leoben, der in Schweden im Exil gewesen ist, möchte neben seiner Buchhandlung auch einen kleinen Verlag betreiben und hat die Absicht, in Wien zu produzieren, da es in Leoben keine entsprechende Druckerei gibt. Hermann Schreiber, der später als Redakteur zum Spiegel geht, wird Verlagslektor und Roman Haller Verlagshersteller. Beide sind etwa gleich alt. Der Verlag druckt ehemals von den Nazis verfolgte Schriftsteller, wobei die literarische Qualität nicht immer ein Auswahlkriterium ist. Man produziert ohne Rücksicht auf Verkaufschancen. Otto Rudolf Schatz zum Beispiel, ein namhafter Antifaschist, der schon Ende der 20er Jahre vor dem aufkommenden Totalitarismus gewarnt hat, macht eine Holzschnitzfolge. Aus Geldmangel ist der Verlag schon 1947 am Ende.

Nach 1948 betätigt sich Roman Haller als Gebrauchsgraphiker, Weinetikettengestalter, Möbel- und Textildesigner und natürlich und vor allem als Maler. Auf den Durchbruch, der ihm ein Leben ausschließlich von der Malerei erlaubt, muß er bis 1959/60 warten. Viele seiner Textilentwürfe wurden ihm gestohlen. Als freischaffender Gestalter war man in einer sehr schlechten Position. Er hätte jeden einzelnen Entwurft patentieren und schützen müssen, doch wären dann die Gebühren höher als die Honorare, die er für den Verkauf der Patente bekommen hätte. Die Patentfristen waren sehr kurz, so daß man den Schutz immer wieder erneuern hätte müssen: ein finanziell untragbares Unterfangen.

Schon im Winter 1948/49 hat Roman Haller einige jüngere Maler des sogenannten Internationalen ART-Clubs kennengelernt, einer nicht unwesentlichen Künstlergruppe der österreichischen Nachkriegszeit, die in der heutigen Kunstgeschichte für die Zeit nach dem Krieg fast schon so ein Begriff ist wie Die Brücke oder Der blauer Reiter für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der ART-Club ist ein indirektes Kind der UNO-Idee. Während des Krieges haben in Italien verschiedene Künstler in einer Art halbem Untergrund überlebt, zum Beispiel der Wiener Maler namens Gustav Karl Beck, der eine jüdische Mutter hatte und sich nach dem „Anschluß“ nach Italien abgesetzen konnte. Es finden sich auch Künstler aus Polen, Belgien, Luxemburg und anderen Ländern ein. Als man 1944 von der Idee der UNO-Gründung erfährt, hat einer der federführenden Mitglieder der Künstlerkolonie, der Pole Stanislaw Jerema, die Idee, man müsse analog dem PEN-Club der Schriftsteller eine internationale Vereinigung bildender Künstler gründen, um bei der UNO eine mächtige Interessensvertretung zu haben. Man gründet also den Internationalen ART-Club. Mit dieser Idee kommt Gustav Karl Beck nach dem Krieg zurück nach Wien. Die anderen Künstler kehren ebenfalls in ihre Heimatländer zurück und gründen dort Sektionen, so auch Beck in Wien. Diese hat tatsächlich bis etwa Mitte der 50er Jahre bestanden und fand ihren Niederschlag in einigen Publikationen und dutzenden von Katalogen.

1960 gelingt Roman Haller der Durchbruch. Die Künstler des ART-Clubs kommen zu diesem Zeitpunkt immer mehr ins Gerede, hauptsächlich negativ. Man darf nicht vergessen, daß auch nach 1945 die Nazitheoretiker und Nazikritiker in Österreich – zum Teil unter anderem Namen – weitergewirkt haben. Für diese sind die avantgardistischen und antifaschistischen ART-Club Künstler klarerweise ein Feindbild.

So hat zum Beispiel einer der letzten Pressesprecher von Goebbels unter dem Pseudonym Böhm Südamerikakorrespondent des Spiegels. In Österreich war da ein gewisser Jörg Lampe, ein NS-Mitläufer. Er war zwar Roman Haller gegenüber immer fair, stand ihm sogar wohlwollend gegenüber, war aber ansonsten ein Verfechter „arteigener“ Kunst, hat bisweilen sogar von „entarteter Kunst“ gesprochen, die man bis Kriegsende erfolgreich abwehren habe können, die aber – sieht man einmal von den Sowjets ab – nun über die Macht der Besatzer ins Land komme. Die Sowjets haben sich in ihrer Kunst des Sozrealismus kaum von den Nazis unterschieden. Roman Haller sah einmal auf einer Ausstellung sowjetischer Malerei in der Sowjetischen Zone ein großes Ölgemälde von Stalin. Lenin schwebte in einer Wolke über seinem Kopf. Es war unglaublicher Kitsch, in einer Verbindung mit religiösem Kitsch.

Im ART-Club waren jüngere Künstler versammelt, aber auch ältere, die schon in der Zwischenkriegszeit aktiv waren und einen Namen hatten und die meist aus der Emigration zurückgekommen waren, wie Wotruba.

Traditionell hat es ja zwei Künstlervereinigungen in Österreich gegeben: das Künstlerhaus und die Sezession. Die Künstlerhausmitglieder waren zu Zwei Drittel ehemalige Nazis. In einem alten Mitgliederverzeichnis aus der NS-Zeit wurden später die entsprechenden Parteimitgliedschaften mit Tintenkiller gelöscht. Allerdings werden die Tintenkillerflecken mit der Zeit braun – welch unfreiwillige, aber treffende Symbolik – so daß man neben den Namen der ehemaligen Nazis braune Flecken auf dem Papier erkennen kann. Es war wirklich die Mehrheit.
Unmittelbarer Wortlaut der Passage: Ich habe das in der Chronik gesehen. Jakob hat diese Chronik zum neu Binden gekriegt und hat gesagt: komm her, das mußt du dir anschauen. Da hat man versucht mit Tintentot zu retouchieren. Nur, diese Stellen werden braun, also wortwörtlich braun, also sehr passend. Und da hast du bei diesen Rubriken: Auszeichnungen, Parteimitgliedschaft, u.s.w. hast du überall braune Flecken gesehen und das war so ungefähr bei zwei Drittel. Zwei Drittel haben also eine Parteinummer gehabt und analoge Eintragungen wie Ehrenzeichen u.s.w. Also das Künstlerhaus war nazifiziert bis dort hinaus. Die Sezession wurde aufgelöst und dem Künstlerhaus einverleibt. Die einen haben’s mitgemacht, die anderen nicht.

Die Sezession wurde als 1938 aufgelöst und erst nach dem Krieg wieder gegründet. Die ART-Club Mitglieder wollten aus verständlichen Gründen mit dem Künstlerhaus nichts zu tun haben, eher noch mit der Sezession. Der ART-Club war nie groß, hatte maximal dreißig Mitglieder, zu denen unter anderem Hausner, Hutter, Lender, Brauer, Fuchs und Moldovan gehörten. Gütersloh, ein ehemaliger Naziverfolgter, war Präsident. Später stieß auch Hundertwasser zur Gruppe. Viele der Mitglieder waren jüdisch. Und natürlich wurden auch – unterschwellig, nie direkt – antisemitischen Angriffe gegen den Club lanciert. Die Kunst der unterschwelligen Verunglimpfung und des versteckten Antisemitismus hat in Österreich Tradition. Staberl von der Krone zum Beispiel beherrscht sie perfekt, obwohl dieser für österreichische Verhältnisse schon ziemlich direkt zu sagen pflegt, was er denkt.

Roman Haller hat sich in den politischen Tagesstreit sehr engagiert, hat die Demonstrationen gegen Borodajkewicz mit organisiert, war mitten im Geschehen, hat gesehen, wie Borodajkewicz auf den Kirchweger einschlug. Es war ja unglaublich, daß der Staat mit seinen beiden aus der Ersten Republik übernommenen Großparteien so untätig blieb. Schon 1949 war Roman Haller Mitglied der SPÖ geworden. „Irgendwo mußt du dich einordnen, sonst überrennen sie dich“, hatte ihm ein wohlmeinender Freund geraten.

In der Kunst hat sich Roman Haller jedoch nahezu manisch von seinem politischen Engagement distanziert. Er malt Bilder der Harmonie, Bilder einer verklärten Welt. Für einen Psychoanalitiker sei dies währscheinlich höchst interessant, meint der Maler. Dabei gab es unter den ART-Club Künstlern auch zahlreiche, die ihr politisches Engagement und ihre weltanschauliche Haltung in ihr künstlerisches Schaffen haben einfließen lassen. Zu diesen gehörte und gehört vor allem Alfred Hrdlicka, mit dem Roman Haller auch persönlich befreundet ist.

„Ich habe ein anderes Programm“, meint der Maler. „Es gibt die Möglichkeit utopische Bilder von einer harmonischen Welt zu entwerfen. Die Utopie muß trotz allem da sein. Was soll uns sonst die Kraft geben, angesichts des Zustands dieser Welt nicht zu resignieren oder zur Pistole zu greifen. Ein guter Malerfreund von mir hat ja vor drei Jahren gemeint, alles habe keinen Sinn, alles sei Scheiße, und ist aus dem sechsten Stock gesprungen.“

Mit Hrdlicka hat Roman Haller bei manchen politischen Aktivitäten Seite an Seite gekämpft. Wenn es darum ging, Massen auf die Straße zu bringen, um gegen die antisemitischen Äußerungen eines Universitätsprofessor zu protestieren (Borodajkewicz) war er dabei.

Viele Menschen, die ihn menschlich und politisch sehr schätzten, konnten seine künstlerische Programmatik nicht begreifen. „Wie kannst du dich einschließen und in einem geschützten Raum träumen?“ fragten sie. „Ich bin froh, daß ihr das anders macht“, entgegnete Roman Haller. „Ich kann’s nicht. Was soll ich machen?“