Opfer der NS-Militärjustiz waren nicht nur Männer, wenngleich die überwiegende Mehrheit.

TäterInnen

Das NS-System schloß Frauen institutionell stark aus und bedachte sie mit einer passiven Rolle. Vorschritte in der Geschlechterparität wurden in Deutschland ab 1933 und in Österreich ab 1938 (beginnend im Austrofaschismus ab 1934) zurückgebaut: Von etlichen Staatsanwältinnen und Richterinnen verblieben – mit einer Ausnahme1 – keine Frauen im Justizbetrieb. Die höheren Ränge des Justizsystems waren also nicht nur wie heute männerbündisch dominiert und strukturell Frauen ausschließend sondern für Frauen dezidiert geschlossen.

Vom ersten Kriegstag leisteten Frauen Dienst in den Streitkräften: Als Wehrmachtshelferinnen, Beamtinnen, Angestellte und Arbeiterinnen in Fernmeldevermittlungen, Registraturen und Lagern, als Funkerinnen, Flugmeldehelferinnen, Telefonistinnen, Schreibkräfte in Reichssicherheitsdienst, etc, trugen Uniformen und waren in Helferinnencorps der Wehrmacht unterstellt. Mehr als 500.000 Wehrmachtshelferinnen, eine pro 20 Soldaten, versahen Dienst für die Wehrmacht2 und unterstanden auch dem Wehrmachts- und Kriegsstrafrecht. Im mittleren und unteren Bereich der verschiedenen Systeme gab es also Frauen, sodass von Täterinnen, Unterstützerinnen, Trägerinnen des Systems und Mitläuferinnen gesprochen werden kann.

Die Verwendung des geschlechtsneutralen Begriffs TäterInnen soll die Zuschreibung von Frauen als passiv und unpolitisch durchbrechen und den Blick auf Mittäterinnenschaft und (nicht)genutzter Handlungsspielräume lenken. Umgekehrt darf die geschlechtsneutrale Formulierung aber nicht den Blick auf ein gesellschaftlich-strukturelles Geschlechterverhältnis, im NS wie überhaupt, verstellen.

Opfer

Obwohl der Militärbereich – Wehrmacht, SA, SS und andere „Sondereinheiten“, RAD und andere quasi-zivile NS-Institutionen – stark männerdominiert war, trafen die Urteile auf Vergehen, die in diesen Institutionen gesetzt wurden, nicht nur Männer. Dem Frauenbild folgend, demnach Frauen passiv, unpolitisch und für den Staat und die NS-Ideologie ‚ungefährlich‘ seien, trafen widerständische Frauen aber nicht die gleichen Strafbestimmungen wie Männer. „Frauen wurden innerhalb ihrer Funktionen in Wehrmacht zu „Deserteurinnen“ oder „Zersetzerinnen“, indem sie sich von ihrer Dienststelle absetzten oder diese mit Worten oder Taten sabotierten, weil sie den Krieg nicht mehr mitmachen wollten.“3

  • Deserteurinnen, im klassischen Sinn, konnte es ob des Abhandenseins von Einberufung von Frauen nicht geben. Selbst der „Volkssturm“, das letzte Aufgebot des Reichs, rief Greise und männliche Kinder in die „Pflicht“ – nicht aber Frauen.
  • Der „Hochverrat“ war eines der gängigsten Verfahrensgründe, im zivilen wie militärischen Bereich. Es stellte jegliches staatsfeindliches Handeln unter Strafe, meist politische Betätigung. Hochverräterinnen kamen demnach durchaus aus dem Bereich der Wehrmacht und Lager, wenngleich sie besondere Positionen im „Mittelbau“ dieser Institutionen hatten.
  • Kriegsverrat und Landesverrat beziehen sich auf Tatbestände, die innerhalb des Heeres getätigt werden, meist Spionage und Überläufe. Es bleibt zu fragen, ob Frauen aufgrund dieser Paragraphen angeklagt wurden – und wenn ja ob nur zivil oder auch von der NS-Militärjustiz.
  • Für jedes Delikt gibt es auch die Möglichkeit der Beihilfe, das etliche Frauen getroffen haben dürfte. Für diese Verfahren – sagen wir Beihilfe zur Fahnenflucht – ist offen, ob es sich um zivile Verfahren gehandelt hat.

    Opfer der NS-Militärjustiz waren Frauen wie Männer, zumindest was die Bedrohung und Verfolgung betrifft. Nur ausgesprochen wenige Frauen dürften ein Verfahren innerhalb der NS-Militärjustiz gehabt haben, welche sich auf Beihilfsdelikte oder Hochverratsdelikte beschränken lassen dürften. Empirisch sind für Österreich von rund 3000 gut aufgearbeiteten Opfern nur Männer darunter. Es darf wie bei allen NS-betreffenden Untersuchungen nicht vergessen werden, dass Frauen die zugeschriebenen Rollen ausnutzten, um ihr Leben zu schützen und gaben so etwa „familiäre Gründe“ an, wo etwa ein politisches Delikt vorlag.

    „Sie aber alle handelten aus einem menschlichen, moralischen, religiösen und politischen Bewusstsein und stellten dabei ihr Leben vor den „Dienst an der Volksgemeinschaft“. Oft war es die Einsicht, etwas gegen den Krieg, das NS-Regime und für den Einzelnen tun zu müssen, die Frauen veranlasst haben mag, Deserteure zu verstecken oder ihnen bei der Flucht zu helfen (…) und [gegen] die Einsatzfähigkeit der Wehrmacht [zu handeln].“4.

    1. Quelle kommt noch.[zurück]
    2. Maren Büttner: „Wehrkraftszersetzerinnen“ – Frauen im Konflikt mit der NS-Militärjustiz 1939-1945. In: Geschichtswerkstatt Marburg e.V.: „Ich muss selber etwas tun“. Marburg, 2000. S. 112-125. Hier S. 117 [zurück]
    3. Maren Büttner: „Wehrkraftszersetzerinnen“ – Frauen im Konflikt mit der NS-Militärjustiz 1939-1945. In: Geschichtswerkstatt Marburg e.V.: „Ich muss selber etwas tun“. Marburg, 2000. S. 112-125. Hier S. 118 [zurück]
    4. Maren Büttner: „Wehrkraftszersetzerinnen“ – Frauen im Konflikt mit der NS-Militärjustiz 1939-1945. In: Geschichtswerkstatt Marburg e.V.: „Ich muss selber etwas tun“. Marburg, 2000. S. 112-125. Hier S. 120 [zurück]