Das Thema Deserteure im Nationalsozialismus ist komplex verortet. Aktuelle und historische Begrifflichkeiten, falsche und richtige Vorstellungen von Desertionen, polemische Aussagen, ablehnende Haltung und Benachteiligung in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus stellen eine wackelige Grundlage dar, auf der das Thema zu behandeln ist.

Definition:

Die Definition von „Opfern der NS-Militärjustiz“ orientiert sich nicht direkt an den einzelnen Handlungen – zB Desertion, Sabotage, Meuterei, etc – sondern an dem Unrecht, dass die NS-Militärjustiz über diese Personen aufgrund ihrer Handlungen gesprochen hat. Wenn man davon ausgeht, dass etwa Desertion aus der Wehrmacht einigermaßen unumstritten als legitim gilt, so gilt dies nicht etwa für Gewaltdelikte (siehe unten). Alle, denen vonseiten nationalsozialistischer Institutionen oder ihrer VertreterInnen unmenschliche Behandlung zuteil wurde, sind als Opfer nationalsozialistsicher Verfolgung zu betrachten1. All jene, die vor Militärgerichte kamen, ist gemein, dass Verfahren, Umfeld und Strafe keinerlei Maßstäben oder Prinzipien folgte. Todesurteile, oder gleichbedeutende Urteile wie KZ-Haft und Frontbewährungsbataillons, für Bagatellen – politisch-widerständisch oder nicht, stellen die Grundtendenz der NS-Militärjustiz dar.

Es liegen also mehrere Gründe vor, warum nicht die ‚objektive Tat‘ ausschlaggebend für die Bezeichnung einer Person als Opfer der NS-Militärjustiz sein kann:

  • Das „Rechtssystem“ im Nationalsozialismus war keines, es war ein Sumpf2. (auch wenn bis in die 80er Jahre behauptet wurde, die Militärjustiz sei im Gegensatz zur Volksgerichtsbarkeit „ein Hort der Rechtsstaatlichkeit“ gewesen.) Die meisten der allgemein gültigen Rechtsnormen fanden im NS keine Anwendung, in der Militärjustiz schon gar nicht. Richter waren gleichzeitig Ankläger und Verhörende. Das Justizwesen folgte einem klaren ideologischen Ziel, war mit eifernden Partei-Nazis und mindestens so brutalen Mitläufern besetzt, alte Gesetze wurden neu interpretiert missachtet oder neu geschrieben. Einziger Parameter war die „Volks“gemeinschaft und deren Wehrfähigkeit – entweder dabei oder für immer draußen. Das Analogieverbot war gestrichen, oberste Instanz war das „gesunde Volksempfinden“. Der Angeklagte war im Zweifelfall schuldig, auch ohne Beweise. Richter erhöhten durch absurde Konstruktionen das sowieso hohe Strafhöchstmaß – um in jedem Fall zur Todesstrafe zu kommen. Geständnisse wurden durch Folter erpresst, Aussagen gestrichen, Drohungen auf Familie und FreundInnen ausgeübt. Die Justiz als Ganzes, die Militärjustiz im Besonderen, waren tragende und ideologische Teile des NS.
  • Ebenso war die Wehrmacht inhärenter Teil des nationalsozialistischen Systems und demnach nicht eine „neutrale, missbrauchte“ Institution. Seit der Machtübernahme gab es dutzende Änderungen im Wehrgesetz, die meisten auf Mobilmachung, Effizienz und Schlagkräftigkeit ausgelegt. Die „Dolchstoßlegende“ (die Annahme, dass der 1. WK aufgrund einer schwächelnder Heeresleitung verloren war) wurde konsequent in einem tödlichen Kurs gegen Deserteure und Kriegsdienstverweigerer umgesetzt. Die Wehrmacht war nicht irgendeine Armee, die Wehrmachtsjustiz nicht irgendeine Militärjustiz: Sie waren durch und durch ideologisierte, fanatische Akteure des NS.

    All dies bringt Adolf Hitler auf den Punkt, wenn er in „Mein Kampf“ meint:
    „Es muss der Deserteur wissen, dass seine Desertion gerade das mit sich bringt, was er fliehen will. (…) An der Front kann man sterben, als Deserteur muss man sterben.“

  • Das Strafmaß wurde laufend gesetzlich erhöht, um dann von Richtern überschritten zu werden. Urteile wurden etwa erhöht um die „Abschreckung“ zu erhöhen, auch wenn das Urteil durch Enthauptung und ohne Öffentlichkeit gefällt wurde. Weitere Erhöhungsgründe waren „das gesunde Volksempfinden“ und Taten die aus „Furcht vor persönlicher Gefahr“ gesetzt wurden. Ziel: Tod.
    Während die US-Army in der ganzen Kriegsdauer nur ein Todesurteil in Militärbereich fällte (und später aufhob), startete die NS-Militärjustiz mit 8-10 Todesurteilen pro Tag 1939 in den Krieg, um dann 1944 bei 30 Todesurteilen – pro Tag – anzukommen (Hier Hafturteile, KZ-Lager und „Frontbewährungsbataillons“ nicht mitgezählt).
  • Die Durchsicht der Akten ist nicht sonderlich aufschlußreich, da im besten Fall überhaupt die Nazi-Akten ganz vorhanden sind, meist nur ein Schuldspruch. Selbst die Analyse eines vollständigen Nazi-Akts gibt keine Auskunft über den wahren Hintergrund einer Tat. Versteckt sich hinter dem Soldaten, der angibt im Alkoholrausch sein Geschütz sabotiert hat, ein politischer Widerstandskämpfer und Saboteur ? Wir wissen es nicht, und keine „Einzelfallprüfungskommission“ der Welt kann sich herausnehmen, darüber zu richten.

    Motivfrage ?

    Wichtig für eine heutige Beurteilung und Anerkennung der Tat ist, dass primär nicht nach der „wahren“ Motivation hinter der Tat, welche auch immer, gestanden hat. Auch nicht, ob diese aus heutiger Sicht „ehrbar“/“heldenhaft“ war, oder „nur“ „persönlich“, etwa aus politischen oder religiösen Gründen. Wird jemand vom NS-Staat – in diesem Fall von der NS-Militärgerichtsbarkeit – gejagt, gefoltert, verurteilt und ermordet so hat hat sie/er einen Platz in unserem Gedächtnis verdient. Ganz egal dabei ist, was die Gründe waren. Politische Überzeugung, Sozialisation, Liebe, „Feigheit“, Persönliche Querellen,… ganz egal. Eine unterstellte „Eigennützigkeit“ ist angesichts der Konsequenzen im Nationalsozialismus lächerlich, die Forderungen nach „Einzelfallprüfungen“ demnach abzulehnen. Die Person stand in Opposition zur „Volks“gemeinschaft und wurde von ihr ausgespuckt. Alle danach folgenden Taten sind einigermaßen irrelevant: Der Kampf mit der Waffe als PartisanIn ist demnach gleichwertig zu sehen, mit einer Person, die sich selbstverstümmelt um der Stellung zu entgehen, sich zuviel Magerine aufs Brot schmierte oder beim Heimaturlaub aus Heimweh am Heuschober versteckt.
    Dank und Anerkennung gilt jenen, die sich der Maschienerie der Wehrmacht, SS und Lager entzogen haben – oder beim Versuch gefasst wurden.

    Deliktgruppen:

    Diese Delikte erhalten ihre Beachtung und Wert dadurch, dass sie Kategorien des NS-Systems und als solche Verfolgungs- und Verurteilunsgründe sind3.

  • „Kriegsdienstverweigerung“
    Die strenge juristische Auslegung bedeutet, sich in Kriegszeiten aus Gewissensgründen einem Waffengang offen zu verweigern, also auch nicht zu verstecken oder etwas vorzutäuschen. Wissenschaftlich wird dieser Tatbestand noch erweitert um jene, die sich vor der Einberufung einer Widerstandsgruppe angeschlossen haben, durch Flucht ins Ausland dem Dienst entzogen oder sich versteckte um nicht Eingezogen zu werden.
    Eine Kriegsdienstesverweigerung stand in scharfer Opposition zur „Volks“gemeinschaft, zur umfassenden Militarisierung und Mobilmachung, zur nationalsozialistischen Ideologie und – auf einer Metaebene, auch zum wehrhaften Männlichkeits- und Kameradschaftsbild und sämtlichen Vorstellungen von „Pflicht am Volk“. Wehrdienstverweigerung war eine Absage an das System, an das militärische wie das gesellschaftlich-ideologische. An Wehrdienstverweigerern war der Prototyp, wie mit Abweichlern zu verfahren sei: unnachgibig und mit dem Tod. (Vgl. Walter in Manoschek, S.114)

  • „Fahnenflucht“ und „Unerlaubte Entfernung“ – Desertion im Dienst
    Während der Verweigerer also feige daheim säße, um sich der Stählung an der Front zu entziehen, so ist der Fahnenflüchtige in der Rangfolge der Kameradschaft mindestens so tief: Während der Nachtwache verlässt er Posten und somit Kameraden unbewacht und im Stich. Danach läuft er meist zum Feind über, verrät Stellung und Status und kämpft fortan gegen das eigene Volk – so zumindest die Vorstellung. Auch heute ist die Rede vom „Kameradenmörder“ und „Kriegsverräter“ – stimmen tut dieses gängige Bild jedoch nur in seltenen Einzelfällen.

    „Fahnenflucht“ bezeichnet, wenn jemand sich „vom Dienste in der Wehrmacht“ dauerhaft entziehen wollte und/oder die Dienststelle/Truppe dauerhaft verlässt. Passiert dies „im Felde“, so ist diese Tat jedenfalls mit dem Tod zu bestrafen, sonst durch lebenslanges Zuchthaus. Die „Unerlaubte Entfernung“ besagt das gleiche, jedoch nicht „dauerhaft“. Die Unterscheidung war sehr schwer möglich, je nach Laune tendierten die Militärrichter zu Tod oder Gefängnis, wenngleich als Indizien herhalten musste, ob jemand seine Uniform ablegte, Hinweise beseitigen wollte und wohin jemand floh. Je später jemand desertierte, desto wahrscheinlicher wurde er auch nicht mehr geschnappt. Wer an der Front floh, konnte eher entkommen, wie jemand, der aus der Kaserne oder beim Heimaturlaub sich entzog. Es gab Gebiete, in denen auch im „Hinterland“ eine Fahnenflucht gut möglich war, zB in Slowenien, südlichem Kärntnen, Griechenland oder Frankreich. Wichtigstes Element dabei war eine einigermaßen solidarische und/oder antinationalsozialistische Bevölkerung – die es in weiten Teilen Österreichs nie gab. Etwa 4000 österreichische Wehrmachtsangehörige wurde Opfer der NS-Militärjustiz, knapp die Hälfte wurde hingerichtet. Insgesamt dürften es zwischen 30.000 und 50.000 österreichische Fahnenflüchtige geben – davon liefen etwa 20% zu den Allierten über, 17% schloßen sich dem Widerstand an und 10% flohen ins neutrale Ausland.
    Es muss bei der Jagd auf Deserteure das gleiche gelten wie bei der „Bandenbekämpfung“ genannte Bekämpfung von PartisanInnen: Alle, die sich entzogen, fehlten nicht nur an der Front, sie banden auch mehrere weitere Wehrmachtsangehörige an die „Heimatfront“ (Bandenbekämpfung, Gefängniswache, Militärstreife). Das mit dem Sand im Getriebe ist nicht nur Gelabber. (Vgl. Geldmacher in Manoschek, S.133)

  • Selbstverstümmelung/Selbstverletzung
    Selbstverstümmelung (in diesem Zusammenhang) ist eine bestimmte Form der Entziehung, nämlich die absichtliche Beschädigung des Körpers – meist Arm oder Fuß – um eine Dienstunfähigkeit zu erlangen. Ziel war temporär oder ganz dem Wehrdienst zu entkommen, egal ob schon eingerückt oder vor einer Musterung. Selbstverstümmelung und Selbstbeschädigung gab es auch in anderen NS-Organisationen, etwa der RAD, HJ, Volkssturm. Auch im Lageralltag von Deportierten gehörte Selbstverstümmelung zu einem der täglichen Für und Wider.
    Selbstverstümmelung in der Wehrmacht kann als „versteckte Desertion“ gesehen werden. Auch wenn eine Verletzung meist nur für eine kurze Zeit vom Dienst befreit, so dann wenigstens sicher, die Überführungsmöglichkeiten halten sich in sehr engen Grenzen. Mehrere Selbstverletzungen kombiniert haben manche Soldaten durch den Krieg gebracht.
    Selbstverstümmelung hatte meist MithelferInnen oder zumindest MitwisserInnen und InformantInnen: Die Verletzung musste geplant und durchgeführt werden, daher war sie sehr selten spontan gesetzt – viel seltener als andere Formen der Desertion.
    Die Motive für eine Selbstverstümmelung liegen gänzlich im Dunkeln: persönliche Gründe, Heimweh, Liebe, Entzug von der Kriegsmaschinerie oder Nationalsozialismus – oder gar eine „echte“ Verletzung. Auch Nazi-Akten sagen uns sehr wenig, auf Atteste und Aussagen ist kein Wert zu legen.
    Die Selbstverstümmelung stellt eine besondere Art der Entziehung dar, weil sie direkt den Körper betrifft. Dabei wird also nicht nur die Einsatzbereitschaft der „Volks“gemeinschaft gestört sondern auch die ganz intime persönliche wehrhaft, männliche, reine Integrität.
    In Wien hat die Selbstverstümmelung besondere Bedeutung, da einer der fanatischen Militärrichter in Wien, Karl Everts, es sich zur Aufgabe machte, die in Wien „grasierende Selbstverstümmlerseuche“ einzudämmen. Er stattete Militärstreifen mit Sonderaufträgen aus um nach Selbstverstümmlern zu suchen und ihnen durch Folter Geständnisse abzupressen. An die hundert Selbstverstümmler kamen so zu einer Verurteilung. (Vgl. Fritsche in Manoschek, S.114)

  • Wehrkraftszersetzende Äußerungen“
    Meinungsfreiheit im NS war nicht vorhanden, ein gut funktionierendes System von DenunziantInnen lieferte viele Personen dem Justizsystem aus. Dies galt für den zivilen bereich genauso wie für den militärischen. Im zivilen Bereich galt das „Heimtückegesetz“, in der Wehrmacht eine Bestimmung in der KSSVO zur „wehrkraftszersetzende Äußerungen“. Während aber im zivilen Bereich Äußerungen gegen Reich, Führer und Endsieg maximal mit Gefängnis bedroht waren, stand in der Wehrmacht die Todesstrafe darauf. Diese Äußerungen konnten schriftlich (Briefe, Flyer,…) oder mündlich geäußert werden und mussten keine dezidierte Ablehnung oder Opposition beinhalten – ein schlichte Nicht-Befürwortung reichte im Grunde aus oder als Zersetzung denunziert werden.
    Die Einschränkung der Meinungsfreiheit zählte zum Terrorinstrumentarium des NS und sollte den Durchhaltewillen stärken.
    Je näher das Ende rückte, umsomehr Delikte gab es und umso mehr Anzeigen und Verurteilungen – Schauprozesse die abschrecken sollten standen an der Tagesordnung. Empirisch fällt auf, dass ältere Dienstalter eher zu solchen Äußerungen neigten, während junge Soldaten wenn dann direkte Entziehungsarten wählten als nur ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Bei dieser Opferkategorie ist wie bei allen anderen die persönliche Motivation gänzlich offen – politische wie persönliche Äußerungen oder Witze zählten gleich. Die meisten Äußerungen dürften aber keineswegs das NS-System als Ganzes ins Frage gestellt haben sondern nur den Unmut über bestimmte Punkte oder aktuelle Ereignisse artikuliert haben. (Vgl. Fritsche in Manoschek, S.215)

  • „Verratsdelikte“ – Reichsverrat, Hochverrat, Landesverrat, Kriegsverrat
    Ein weiteres Beispiel für allgemeine/zivile Verfolgung, die eine besondere/verschärfte Fortsetzung im Wehrkraftsbereich findet, sind die verschiedenen „Verratsdelikte“. Unter „Hochverrat“ fällt alles, was sich den Zielen des Nationalsozialismus, „Volks“gemeinschaft und Endsieg widersetzt – vom „Rundfunkverbrechen“ über „Volksschädigung“ bis zur „Wehrkraftszersetzung“. Der „Hochverrat“ war demnach ein sehr offenes Delikt, unter dem unliebsame aber nicht zwangsweise widerständische Personen verfolgt, verurteilt und auch getötet wurden. Im Bereich der Wehrmacht wurde nicht nur nach „Hochverrat“ (etwa Betätigung und Agitation für verbotene politische Parteien, etc) gefahndet, sondern auch nach „Landes“– und „Kriegsverrat“.
    Der „Landesverrat“ ist jegliche Handlung, die Informationen über das Reichs, vor allem über die Landesverteidigung, an andere Regierungen weitergibt, für diese spioniert, sich einsetzt, zu einem Krieg führt oder für eine andere Macht in den Krieg zieht sowie die Feindbegünstigung. Die meisten davon werden mit dem Tod geahnt.
    Der „Kriegsverrat“ ist eine Sonderform des „Landesverrat“, mit dem Unterschied, dass er während dem Wehrdienst gesetzt wird – zB Spionage, meist im Zusammenhang mit einem Überlaufen.
    Unter diesen „Verratsdelikte“ fielen alle angezeigten Fälle von illegaler Tätigkeit für eine verbotene Partei oder Gruppe, für PartisanInnen, ausländische Widerstandsgruppen oder Allierte. (Vgl. Forster in Manoschek, S. 238)

  • Widersetzlichkeiten:
    Widersetzliche Handlungen stellen verschiedene verstreute „Tatbestände“ dar und beziehen sich auf Handlungen innerhalb der Wehrmacht/o.Ä gegen Hierarchie, Ordnung und Prinzip dieser. Diese können zB sein4:
    - Dienstpflichtverletzungen aus Furcht oder Feigheit
    - Wachverfehlung/Gefangenenbefreiung
    - Nicht-Unterordnung, etwa Meuterei, Aufruhr, Befehlsverweigerung, Ungehorsam, Gehorsamsverweigerung, Widersetzung, Erregung von Missvergnügen,
    - Beleidigung eines/Druhung gegen einen/Angriff auf einen Vorgesetzten
    - Handlungen gegen das Eigentum/Waffen/Kriegsgerät, auf Verkauf, Sabotage oder unvorsichtige Behandlung.
    - Widerstand gegen die Staatsgewalt
    Die meisten hatten ein geringes Strafmaß (5 Jahre), auf die meisten Stand aber bei „Schwere“ oder wenn die Tat „im Feld“ geschah, der Tod. Wie schon andere Delikte liegt bei diesen die Motivation im unklaren: ‚persönlich‘ oder politisch; gegen einen Kommandaten oder das System an sich gerichtet ? Wurde eine Tat alkoholisiert gesetzt – oder ist das nur die – mildernde – Zeugenaussage vor der Feldpolizei ? Manchmal trafen Widersetzlichkeitsformen auch mit anderen Tatbeständen zusammen, dann meist als Erschwerungsgrund für die höherrangige Strafe. Für Österreich gibt es nur Beispiele männlicher Täter. Die Taten nahmen im Laufe des Krieges kontinuierlich zu mit dem Höhepunkt 1944. (Vgl. Fritsche in Manoschek, S. 254f)

  • Gewaltdelikte10
    Dieser Deliktgruppe sei vorausgestellt, dass die NS-Militärjustiz natürlich nicht Verbrechen ahndete, die an Nicht-Wehrmachtsangehörigen verbrochen wurden. Wehrmacht und andere Einheiten, etwa SS und Kolaborateure, hatten bekanntlich Rechtsfreiheit was Mord und Vernichtung angeht.
    Die hier zusammengefassten Tatbestände sind Mord, Totschlag, Körperverletzung, (räuberische) Erpressung, Straftat gegen eine Wache, Misshandlung von Untergebenen – also Delikte, die auch heute in und außerhalb des Militärs strafbar sind und für die es im Militärstrafgesetzbuch keine besonderen Bestimmungen gab und nach dem allgemeinen Reichsgesetzbuch verhandelt wurden (außer Tat gegen eine Wache). Nur 1,1 % der Entziehungen fanden durch oder mit gleichzeitiger Gewalteinwirkung statt – was in der Debatte um die Rehabilitierung von Deserteuren u.A., das meist dem Bild des den Kommandanten ermordenden Deserteurs einhergeht, wichtig ist. Personen, die sich dem NS-System entzogen haben und dabei Gewalt anwendeten stellt in der Debatte um Rehablitierung den Knackpunkt dar. Rechtskonservative plädieren aus diesem Grund auf Einzelfallprüfungen, um nicht Mörder zu rehabilitieren.

  • Fälschungsdelikte11
    Darunter fällt: Urkundenfälschung, Falschbeurkundung, Missbrauch der Amts- oder Dienstgewalt, unbefugtes Führen einer Dienstbezeichnung oder Titels, unbefugtes Tragen einer Uniform oder von ehrenzeichen, Bestechung, falsche Anschuldigung, Falschmeldung oder Meineid.
    Hier geht es zum größten Teil um uninteressante Bagatellen, etwa Anstecken von falschen Orden oder Einreihen in eine höhere Besoldungsstufe. Darunter sind aber ebenso widersetzliches Verhalten, wie etwa Verlängerung des Heimaturlaubes oder eines Krankenstandes, versteckt, sowie diese Delikte vorliegen, wenn etwa in Uniform desertiert wurde und diese weiter getragen wurde, um nicht aufzufallen (Wehrfähiger Mann 1940 in einer Stadt ohne Uniform ist eine Unmöglichkeit). Das Stehlen und spätere Fälschen von Bezugsscheinen war überlebenswichtig für Deserteure – als Tauschobjekt und als Selbstversorgung. Weiters gibt es bekannte Fällen von gezielter innermilitärischer Falsch- und Desinformation oder von Krankschreiber_innen, die die halbe Kompanie krank meldeten und auf Heimaturlaub schickten (während sie fanatische Nazi-Funktionäre an die Front schrieben).
    Auch auf diese Delikte trifft immer zu: Sie richteten sich gegen das System, zumindest das militärische, indem sie den militärischen Apperat ausnützten und sabotierten und so den Kriegsverlauf bremsten – wenngleich aus unterschiedlichen Motiven. Alleine dass das NS-System einen rieisgen Stab an Verfolgern, Richtern und Haftpersonal bedurfte um die große Anzahl an Kleinstdelikten zu verfolgen, ist ein Beitrag die Wehrmacht zu schwächen. Diese Kleinstdelikte nahmen im Laufe des Krieges zu und erreichten 1943 ihren Höhepunkt; Das Strafmaß sank dagegen: Das Reich verfolgte zwar diese Delikte, konnte sich aber nicht leisten alle einzusperren. Die Strafen waren trotzdem hoch und brutal.

  • Eigentumsdelikte12
    Dieser Deliktgruppe sei vorausgestellt, dass die NS-Militärjustiz nur sehr unzureichend Verbrechen ahndete, die an Nicht-Wehrmachtsangehörigen verbochen wurden. Wehrmacht und andere Einheiten, etwa SS und Kolaborateure, hatten bekanntlich Rechtsfreiheit in den zu erobernden Gebieten, auch was Enteignungen und Diebstahl anbelangte.
    Was schon zu den Gewaltdelikten gesagt wurde, gilt auch für die Eigentumsdelikte: Im ersten Moment verstellt sich die Erkenntnis, warum diese Personen als Opfer der NS-Militärjustiz gelten sollten. Auch hier gilt: das Strafmaß lag weit über dem üblichen Maß und Diebstahl/Sabotage (vom „Reich“, nicht gegen Zivile Personen) schwächte die Maschinerie.

  • Sonderfälle und Bagatellen8
  • Es gibt nebst diesen größeren Kategorien jede Menge Einzelfälle, darunter: Vergehen gegen die Strafenverkehrsordnung, Doppelehe, Homosexualität, Beleidigung, Verleumdung, Abtreibung, Begünstigung, Volltrunkenheit, unerlaubter Umgang mit Kriegsgefangenen oder unerlaubter Waffenbesitz.

    1. Der Aufzählung in Maria Fritsche: Gehorsamsverweigerung, Dienstpflichtverletzung, Meuterei. In: Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. S. 254-282, hier S. 254. folgend. [zurück]
    2. Abgändertes Zitat aus: „Maria Fritsche: Die militärgerichtliche Verfolgung von Gewaltdelikten in der dt. WM. In: Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. S. 283-301. Hier S. 283. [zurück]
    3. Diese Bezeichnung bezieht sich auf Fritz Wüllner, dem die gängigen Abgrenzungen wie „Perversion des Rechts“, „entartetes Recht“(sic!), „unbegrenzte Auslegung“ oder „Unrechtssystem“ zu kurz greifen. Siehe: Fritz Wüllner: Militärstrafjustiz – eine „Nische der Rechtsstaatlichkeit“? In: Geschichtswerkstatt Marburg e.V.: „Ich muss selber etwas tun“. Marburg, 2000. S.53-75. Hier: S. 53. [zurück]
    4. Sie folgen dabei stringent der Klassifikation, die in Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. Wien 2003. Kapitel II/c. gewählt wurden. Sie gilt damit vor allem für Österreich. [zurück]
    5. Entspricht dem Beitrag Maria Fritsche: Die militärgerichtliche Verfolgung von Gewaltdelikten in der dt. WM. In: Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. S. 283-301. [zurück]
    6. Entspricht dem Beitrag Maria Fritsche: Die militärgerichtliche Verfolgung von Fälschungsdelikten in der dt. WM. In: Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. S. 302-318. [zurück]
    7. Entspricht dem Beitrag David Forster: Die militärgerichtliche Verfolgung von Eigentumsdelikten in der dt. WM. In: Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. S. 319-336. [zurück]
    8. Entspricht dem Beitrag David Forster: Sonderfälle und Bagatellen. Die militärgerichtliche Verfolgung diverser Delikte in der dt. WM. In: Walter Manoschek: Opfer der NS-Militärjustiz. S. 337-339. [zurück]